90 Jahre Flügelstift

Eine moderne Zeitschrift mit langer Tradition


Am Anfang stand die Stenographie

Unser Jubilar ging 1929 als Hauszeitschrift des Winklers Verlag – eben als „Winklers Flügelstift“ – in Darmstadt an den Start. Sein außergewöhnlicher Name mag heute zu fantasievollen Mutmaßungen anregen. Er steht jedoch nicht für einen „Engels-Azubi“ mit ausgebreiteten Schwingen, wie eine Bibliothekarin annahm, oder gar für ein magisches Utensil von Harry Potter & Co. Vor 90 Jahren war er noch nicht erklärungsbedürftig, stand doch das Firmensignet von Winklers, das auf dem Fachblatt prangte, und mit ihm der Titel für die „Kunst der geflügelten (Schreib)Feder“, kurz gesagt: für die Stenographie. „Mit der „Redezeichenkunst“ gelang es, der Feder so starke Flügel zu geben, dass sie, gelenkt durch Geist und Hand des Kundigen, dem Flug der Gedanken folgen, sie einholen und festhalten konnte. Die ‚geflügelte Feder‘, der ‚Flügelstift‘ wurden zu zukunftsträchtigen Symbolen einer neuen stenographischen Ära.“ (Willi Christes, Realschul- und Kurzschriftenlehrer in seinen „Gedanken um den Flügelstift“, Heft 1/1958)

Und zu den Pionieren und Wegbereitern der Kurz- oder Schnellschrift zählt der Gründer vom Winklers Verlag, der Kammerstenograph Michael Winkler (1878-1965). Er rief Stenographenvereine ins Leben, warb in Aufsätzen, erteilte Unterricht und schrieb neue didaktisch und methodisch durchdachte Lehr- und Übungsbücher, für deren Verbreitung er 1902 seinen Selbstverlag errichtete.

Als der erste Flügelstift 1929 erschien, ist der Winklers Verlag auf dem Weg, der wichtigste deutsche Kurzschriftverlag zu werden: 1923 übernahmen die Brüder Heinrich und August Grimm, beide ebenfalls begeisterte Stenographen, den Verlag. Sie etablierten zwei neue Zeitschriften, nahmen den Ausbau des Buchprogramms in Angriff und gliederten dem Verlag eine Druckerei nebst Buchbinderei an. Da machte es Sinn, bei freiwerdenden Mitteln auf das wachsende Angebot in Form von „Verlags-Berichten“ in einer kostenlosen Hauszeitschrift aufmerksam zu machen. So engagierte sich ein Beitrag des ersten Heftes für das „Zehnfinger-Tastschreiben“ auf Schreibmaschinen und damit für den neuen zukunftsträchtigen Lehr- und Lernmittelbereich von Winklers, der ebenfalls 1929 startete.

Schon die ersten Flügelstifte waren weit mehr als Werbebroschüren: Sie erörterten kundennah stenographische Probleme, gaben unterrichts- und prüfungsrelevante Hinweise – ab Mitte der 1920er-Jahre wurden Prüfungsordnungen für Kurzschrift und Maschinenschreiben maßgeblich – und gaben Einblicke in das rege Vereins- und Tagungsgeschehen. Nicht jede frühe Ausgabe erhielt einen Verlagsbericht und von den 16 Heftseiten waren dann um die zwei Seiten der Programmschau gewidmet.

Das gesamte Berufsbildungswesen im Blick

Nach einer langen kriegsbedingten Pause erschien der Flügelstift wieder 1958 – nun 48 Seiten stark. Inzwischen verlegte Winklers Bücher und Übungsmaterial für Deutsch, Betriebswirtschaftslehre, Buchführung, kaufmännisches Rechnen, Schriftverkehr, Waren- und Verkaufskunde, auch für gewerbliche Schulen, und natürlich für Kurzschrift und Maschinenschreiben.

Gemessen am stark gewachsenen Gesamtumsatz lag der Anteil des Fächer- Duos nur noch bei unter 10 %. Da brauchte es für den Flügelstift den Untertitel: „Fachzeitschrift mit Beiträgen und Erfahrungsberichten aus der Praxis des gesamten Berufsbildungswesens“. Beiträge über Unterrichtsplanung und -gestaltung sowie Lehrskizzen nach dem Motto „Aus der Praxis für die Praxis“ dominierten. Ins Zentrum rückten die kaufmännische und die bürowirtschaftliche Ausbildung, was bei der weiteren Differenzierung der Berufe 1974 zu einer Teilung der Zeitschrift in eine A und B Ausgabe führte, jeweils konzentriert auf einen der zwei Bereiche. Die Ausgabe B avancierte 1985 zu einer eigenständigen Winklers-Zeitschrift – lange als „Bürowirtschaft“ bekannt.

Die zwei bis drei Flügelstifte pro Jahr lassen sich als eine kleine Chronik der Geschichte der Beruflichen Bildung und ihrer Technisierung lesen. 1959 etwa galt ein Beitrag dem „Fernsprechen“ in beruflichen Schulen in der Art eines „Telefonknigge“, ab 1967/68 hielt die EDV Einzug, noch als ein Arbeitsbereich von programmierenden Spezialisten, 1981 dann der dezentrale Bildschirmarbeitsplatz, für den eine anwendungsorientierte Informatik anstand, und 1987 der „Tischcomputer“ mit MS-DOS Betriebssystem und Arbeitsdisketten, die formatiert werden mussten.

Die reformbewegten Zeiten der Pädagogik kündigten sich 1964 mit der Vorstellung des „Programmierten Unterrichts“ an – er ist nur noch Geschichte – 1972 gefolgt von dem nachhaltigeren problem- und entscheidungsorientierten Ansatz. Wenn bildungspolitische Grundsatzfragen oder auch Defizite nur selten und in leisen Tönen verhandelt wurden, so hat der Zeitgeist doch Spuren hinterlassen, etwa 1978 mit dem Ruf nach einer neuen Betriebswirtschaftslehre mit sozial- und gesellschaftskritischer Reflexion für einen „mündigen Wirtschaftsbürger“.

1988 schließlich erhielt der Flügelstift nicht nur ein neues Format, sondern auch eine vorsichtige Veränderung der Konzeption. Vor dem Hintergrund des dramatischen Wandels der Arbeitswelt und der Anforderungen an die Berufliche Bildung wurden bildungspolitische Pläne und Vorgaben auf den Prüfstand gestellt, ihr Nutzen und ihre Praktikabilität hinterfragt. Verstärkt nachgesucht wurde er als Wegweiser durch das weite Feld pädagogischer Konzepte und Unterrichtsmethoden. Es gab erstmals Themenhefte, etwa über Handlungsorientierung und Schlüsselqualifikationen. Eine Leserin reimte 1996 treffend:

„Dröhnend wie ein Paukenchor schallt’s in mein armes Laienohr: Schlüsselqualifikationen, die sich – wie Teamwork – immer lohnen, müssen fächerübergreifend sein, sonst geht nichts in die Köpfe rein! Projektarbeit mit Lernbüro – praxisbezogen sowieso. Do it yourself – geschickt garniert – heißt heute handlungsorientiert!‘ – Das zu kapieren ist kaum möglich! Ich fass‘ es nicht, was mach‘ ich blos – bin handlungsorientierungslos!! Hab‘ Winklers Flügelstift entdeckt, wo kluge Unterrichtsexperten den HOU und mehr erklärten. Nun bin ich nicht mehr irritiert, im Gegenteil – gut informiert!“ (zitiert im Vorwort Winklers Flügelstift 1/1996)

Dass nicht nur diese Leserin mit dem Flügelstift zufrieden war, belegten Untersuchungen und Befragungen der Leserschaft. 1997 konnte die Schriftleitung melden, dass ihm bei der „Nutzenbetrachtung fachdidaktischer Zeitschriften“ der Universität/Gesamthochschule Duisburg eine „hohe Anwendungsrelevanz“ attestiert wurde. Eine Umfrage von 1999 zeigte, dass die Leserinnen und Leser das genauso sahen. Angefragt wurden u. a. Bekanntheitsgrad, Nutzungshäufigkeit, Einsatzbereiche und Informationswert – mit erfreulichen Resultaten.

Im Jahr 2000 wurde zum ersten Mal die PISA-Studie durchgeführt. Dieses Thema hat auch lange Zeit die Inhalte des Flügelstiftes geprägt. Hierdurch gewann besonders der sozialpädagogische Aspekt in der Beruflichen Bildung mehr und mehr an Bedeutung. 2019 berichtet der Flügelstift weiterhin über praxisnahe Inhalte, die die Berufliche Bildung beschäftigen. Erweitert wurde er um das Themenfeld der Digitalisierung, das heute in keinem Lebens- und Arbeitsbereich mehr wegzudenken ist. Zwar hat der Flügelstift über die Jahre immer wieder sein Gewand geändert, aber nie seine Bedeutung als Informationsmedium eingebüßt.

Ihre Autorin


Verena Kleinschmidt, Leiterin Unternehmensarchiv der Westermann Gruppe. Unter Mitarbeit von Julia Vieth.
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