Silke Hubrig: Inklusion in der Kita (Januar 2020)


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Das Besondere ist das Normale - Inklusion in der Kita 

Im Prinzip ist Inklusion ein gesellschaftliches Konzept, in dem sich jeder Mensch - jeden Alters, jeder Nationalität und Religionszugehörigkeit, jedes Geschlechts, jedes sozialen Status, mit möglichen Behinderungen etc. - zugehörig fühlen kann. (Vgl.:
https://www.betreut.de/magazin/kinder/was-ist-inklusion-2/)
Unterschiede werden nicht nur toleriert, sondern als Normalität betrachtet, denn es ist normal, dass alle Menschen verschieden sind. 

Inklusion ist ein Menschenrecht 

In der UN-Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen steht u.a., dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sein. Dieser Fokus auf Selbstbestimmung und Teilhabe in der Gesellschaft ist damit für behinderte Menschen neu gesetzt worden. Seit 2009 gilt diese auch in Deutschland. Letztendlich bedeutet das Recht eines jeden Menschen die Inklusion. Auf der Grundlage der Menschenwürde und der Selbstbestimmung gestalten alle Menschen ihr Leben miteinander. (Vgl.: https://www.institut-fuer-menschen-rechte.de/menschenrechtsbildung/bildungsmaterialien/online-handbuch-inklusion-als-menschenrecht.)

Inklusion in der Kita

In der Kita äußert sich die inklusive Haltung durch das Prinzip der Anerkennung und der Wertschätzung von Unterschieden. Kinder sind Individuen und verschieden. So haben Kinder eine unterschiedliche Hautfarbe, unterschiedliche Geschlechter oder Geschlechtsidentitäten, stammen aus unterschiedlichen Kulturen, haben unterschiedliche Religionszugehörigkeiten, leben in unterschiedlichen Familienkonstellationen, haben unterschiedliche Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen. 
Kein Kind wird ausgegrenzt, sondern es werden Bedingungen geschaffen, die es ermöglichen, jedes Kind teilhaben zu lassen. Und hier zeigt sich ein Kernpunkt der inklusiven Pädagogik: Nicht das Kind muss sich an das System Kita anpassen, sondern die Kita an jedes Kind. So werden einzelne Kinder, wie etwa ein Kind einer geflüchteten Familie, ein Junge, der eine weibliche Geschlechtsidentität hat oder auch ein Kind, welches nicht sprechen kann, nicht als "besonders" abgestempelt. Das Besondere ist vielmehr das Normale. 
Eine Kita, die inklusiv arbeitet, macht jedem Kind individuelle Angebote, die das Kind in seiner Entwicklung unterstützen. Diese Unterstützung findet nicht isoliert im Differenzierungsraum statt, sondern in Kleingruppen oder in der Großgruppe - im wahren Kitaleben eben. Lerngelegenheiten bieten sich im Gruppengeschehen und im Spiel. Ist etwa ein Kind gehörlos, so werden beispielsweise im Morgenkreis für alle Kinder unterstützende Gebärden gemacht oder eine rollstuhlgerechte Einrichtung sorgt dafür, dass ein im Rollstuhl sitzendes Kind sich selbständig in der Kita bewegen kann. Andere Kinder benötigen möglicherweise Unterstützung durch die pädagogische Fachkraft bei den alltäglichen Handlungen, wie beim Anziehen oder beim Toilettengang. Andere brauchen Hilfe in Spielsituationen und im Kontakt mit anderen Kindern. Einige Kinder benötigen viel Zeit für eine Tätigkeit und andere weniger. Manchmal brauchen Kinder ein besonderes Material oder Hilfsmittel zur Bewältigung einer Aufgabe. Einige Kinder brauchen eine intensive Anleitung bei Herausforderungen, während andere Kinder diese alleine bewältigen. Es gibt Aufgaben, die für einige Kinder vereinfacht oder auch erschwert gestaltet werden müssen, damit jedes Kind eine ihm angemessene Förderung erhält. Bei der Förderung eines jeden Kindes steht selbstverständlich das Anknüpfen an den Interessen des Kindes im Vordergrund. Durch die unterschiedlichen Kompetenzen aller Kinder lernen die Kinder in einer inklusiven Kita viel voneinander, ohne dass Fachkräfte ein bestimmtes Programm für ein Kind entwerfen müssen. Kinder, deren Herkunftssprache nicht deutsch ist, lernen beispielsweise durch die alltägliche Kommunikation und das Spiel die deutsche Sprache. 

Inklusion fängt im Kopf an 

Dreh- und Angelpunkt aller pädagogischen Handlungen ist die pädagogische Fachkraft. Sie kann Inklusion nicht gemäß eines Handlungsleitfadens abarbeiten, denn inklusives, pädagogisches Handeln entspringt einem inklusiven Denken. Und dieses Denken ergibt sich aus einer inklusiven Haltung gegenüber den Menschen. So wie Fachkräfte es auch den Kindern beibringen sollten, müssen sie erst einmal selber davon überzeugt sein, dass Unterschiede zwischen den Kindern normal sind und es keinen Maßstab der Normalität gibt, an dem sie sich orientieren können. Ist ein Brot mit Salami beim Frühstück in der Kita normal? Für vegetarisch essende Menschen sicher nicht. In vielen Kulturen wird morgens kein Brot gegessen, sondern es gibt etwas Warmes, wie gebackene Kartoffeln. Die Vielfalt in der Kindergruppe sollte als Bereicherung wahrgenommen und wertgeschätzt werden. 

Inklusion braucht gute Bedingungen 

Um die wertschätzende und positive inklusive Haltung und Denkweise in der Kita umzusetzen, sind bestimmte Rahmenbedingungen nötig. Eine Fachkraft mit 20 Kindern ist bei besten Absichten nicht in der Lage wirklich inklusiv zu arbeiten und den Bedürfnissen aller Kinder gerecht zu werden. Dafür braucht die Kita mehr Fachkräfte pro Gruppe. In Regeleinrichtungen fehlt es oft auch an Materialien und ausreichenden Räumlichkeiten für eine gute inklusive Arbeit. Beispielsweise können viele Kitas dem Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe oder auch nach Bewegung nicht gerecht werden, weil die entsprechenden Räume fehlen. Um auch körperbehinderte Kinder in die Kita aufnehmen zu können, muss diese mit einem Fahrstuhl, Rampen u.ä. ausgestattet sein. Um Kindern, deren Muttersprache nicht deutsch ist, gerecht zu werden, brauchen die Kinder Fachkräfte, die ihre Sprache verstehen und zumindest einfache Sätze in ihrer
Herkunftssprache sprechen können. 

"Geht nicht!" - Gibt es nicht!

Auch wenn alle Bedingungen zur Umsetzung inklusiver Pädagogik nur selten erfüllt sind, gibt es viele Aspekte der Inklusion, die auch ohne großen Aufwand oder große finanzielle Mittel umgesetzt werden können. Dazu zählt beispielsweise die Gestaltung einer inklusiven Lernumgebung für die Kinder. Es sollte darauf geachtet werden, dass sich jedes Kind in der Umgebung der Kita wiederfindet und sich willkommen, akzeptiert und wertgeschätzt fühlt. So ist es möglich, in einer Gruppe, in der muslimische Kinder sind, die muslimischen Feiertage in der Kita aufzugreifen. Durch die Gestaltung von Familienwänden kann jedes Kind mit seiner Kultur und Familie in der Kita sichtbar sein: Jedes Kind bringt ein oder mehrere Fotos von seiner Familie mit. Diese werden aufgehängt und als Gesprächsanlass genutzt. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Mona hat zwei Mütter und ihren leiblichen Papa kennt sie nicht. Karashan kommt aus Sri Lanka und seine Mutter hat einen aufgemalten Punkt zwischen den Augenbrauen. Lotta hat vier Brüder. Und sie schlafen alle in einem Kinderzimmer. 
Auch hinsichtlich des angebotenen Spielmaterials sollten Fachkräfte überprüfen, ob sich jedes Kind damit identifizieren kann. Wenn ein Kind, welches gerade erst nach Deutschland gekommen ist, in der Rollenspielecke nichts Vertrautes vorfindet, dann fühlt es sich fehl am Platz in der Kita und nicht wertgeschätzt. Die pädagogische Fachkraft könnte die Eltern auffordern, Lebensmittelverpackungen für die Kinderküche mitzubringen. Bereichernd für eine inklusive Lernumgebung sind beispielsweise auch Krücken oder Beinprothesen in der Verkleideecke. Jedes Kind profitiert davon, Aspekte anderer Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen. Stereotypische Abbildungen von Kulturen, Religionen und Familien auf Postern, in Büchern oder Hörspielen sollten vermieden oder thematisiert werden. Beispielsweise feiern christliche Familien den Heiligabend unterschiedlich, auch wenn es bestimmte Bräuche gibt, die von allen aufgegriffen werden. Es gibt viele Familienkonstellationen neben der Variante "Vater, Mutter und zwei Kinder", Indianer laufen nicht alltäglich mit Kriegsbemalung und Federschmuck herum und sehr viele Menschen in Afrika wohnen in Großstädten und nicht in Lehmhütten. Alle Kinder sollen sich angesprochen fühlen und etwas von sich in ihrer Lernumgebung finden. 

Fazit 

Jedes Kind hat ein Recht auf Teilhabe an Entwicklungsförderung und Bildung. Dieses ist unabhängig von einem Merkmal des Kindes, wie Geschlecht, Hautfarbe oder Fähigkeiten. Jedes Kind ist so wie es ist "normal" und muss sich mit etwaigen "Besonderheiten" nicht an einen Maßstab der Kita anpassen. Die Kita ist aufgefordert, sich an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen. Die Vielfalt der Kindergruppe wird als Bereicherung wahrgenommen und genutzt. Um inklusive Pädagogik gut umsetzen zu können, bedarf es einer guten personellen und materiellen Ausstattung. Diese sind oftmals nicht gegeben. Dennoch sollte die inklusive Haltung der Fachkräfte in der Kita gelebt werden und machbare Aspekte, wie etwa die Gestaltung der inklusiven Lernumgebung, so gut es geht umgesetzt werden. Niemand muss sich an eine Norm anpassen, denn die Vielfalt ist die Norm.  
Quellen und Literatur: 
  • Albers, Timm/ Bree, Stephan/ Jung, Edita/ Seitz, Simone (Hrsg. vom nife): Vielfalt von Anfang an. Inklusion in Krippe und Kita. Freiburg im Breisgau, Herder Verlag, 2012. 
  • Nowack Susanne: Die Rolle der pädagogischen Fachkraft im inklusiven Prozess. Abrufbar unter: https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen//KiTaFT_Nowack_2013.pdf (Stand: 16.12.2019)
  • Reimann, Lisa: Was ist Inklusion? Abrufbar unter: https://www.betreut.de/magazin/kinder/was-ist-inklusion-2/ (Stand: 13.12.2019)
  • Richter, Sandra: Eine vorurteilsbewusste Lernumgebung gestalten. Kita Fachtexte, abrufbar unter https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_richterII_2014-End.pdf (Stand: 10.12.2019)
  • https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsbildung/bildungsmaterialien/online-handbuch-inklusion-als-menschenrecht (Stand: 12.12.2019)