Andrea Wilmes: „Hilf mir, es selbst zu tun“ – zur Aktualität der Montessori-Pädagogik (Februar 2021)


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Die Pädagogik nach Maria Montessori bietet Kindern in Kinderhaus und Schule vielfache Möglichkeiten, ihrem natürlichen Bedürfnis nach Spiel, Arbeit und Bewegung gleichermaßen nachgehen zu können. Pädagoginnen[1] und Eltern schätzen diese Pädagogik, die vom Kind ausgeht, als Ergänzung oder Alternative zu klassischen Formen von Kindergarten und Schule.
Maria Montessori (1870 – 1951) war die erste Frau, die in Italien den Doktortitel der Medizin erwarb. Ihre wichtigsten pädagogischen Erfahrungen sammelte sie als junge Assistenzärztin in der psychiatrischen Universitätsklinik in Rom. Sie förderte Kinder mit Entwicklungsverzögerungen von Patientinnen pädagogisch intensiv, sodass sie in ihren Leistungen Anschluss an Kinder fanden, die in ihrer Entwicklung altersentsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten aufwiesen (vgl. Holtstiege, 6. Auflage, 1991, S. 197/198). Grundlage der Montessori-Pädagogik ist, dass sich Erzieherinnen unmittelbar am Kind und dessen Bedürfnissen orientieren. Dies entspricht der kontinuierlichen Forderung, dass in der elementarpädagogischen Arbeit die Verschiedenheit der Kinder wie selbstverständlich in den Blick genommen wird.
Mithilfe spezifischer Übungen und Materialien, die das Kind in einer „vorbereiteten Umgebung“ frei auswählt, kann es seine eigenen Erfahrungen sammeln. Das Kind kann so schrittweise zur Unabhängigkeit vom Erwachsenen gelangen.
Zu den Übungen und Materialien nach Montessori, die im Kinderhaus angeboten werden, zählen:
  • Übungen des täglichen Lebens
  • Arbeit mit dem Sinnesmaterial
  • Übungen der Stille
  • Kosmische Erziehung
  • Materialien zum ersten Lesen und Schreiben
  • Materialien zum Erlernen des Zahlenbegriffs von 1 -10
Ohne Zweifel hat Montessoris über 100 Jahre praktizierte Erziehungsmethode an Aktualität niemals verloren.

Welche Aspekte belegen die Aktualität der Montessori-Methode?

Unter den heute aktuellen Forderungen an die Elementarpädagogik, möchte ich drei Aspekte besonders hervorheben:

Individualisierung:
Die Montessori-Pädagogik bietet gute Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten für alle Kinder. Sie hält eine Fülle an Möglichkeiten zur individuellen Förderung bereit. In der „Freiarbeit“ in Kinderhaus und Schule kann jedes Kind innerhalb der vorbereiteten Umgebung seinen Lerngegenstand, sein Lerntempo- und seine Lerndauer selbst wählen. Auch die Wahl des Schwierigkeitsgrades seiner Tätigkeit und des eventuellen Lernpartners bestimmt das Kind selbst. Das „Prinzip der freien Wahl“ fördert die geistige Tätigkeit der Kinder (vgl. Schmutzler, 2. Auflage, 1991, S. 117).

Begrenzung:
Jedes Material ist nur einmal vorhanden. Das Kind weiß, dass es Material, das bereits von anderen benutzt wird, respektieren muss. Dies fördert das Sozialverhalten; Verhaltensmuster des Wartens und Respektierens können sich ausbilden. Dieser Gedanke kann helfen, ein Gegengewicht zu einer leistungsorientierten schnelllebigen Welt zu bilden. Die bewusste Begrenzung kann einer Reizüberflutung entgegenwirken.

Freiheit und Bindung:
Montessori betont die Wechselwirkung von Freiheit und Bindung. Das Kind erlernt Regeln des sozialen Umgangs, die auch beinhalten, dass zum Teil die eigene Freiheit eingeschränkt wird. Erwachsene binden das Kind, indem sie es an bestimmte Regeln und Normen heranführen. Man spricht von der Freiheit des Menschen, die an Normen gebunden ist. Darin aber besteht gerade die Freiheit, des Menschen. Erst wenn jemand Unabhängigkeit erlangt hat, ist er wirklich frei.
Beispiel:
Erst wenn ich zählen kann, d. h. Sachkompetenz erlangt habe, bin ich bezüglich dieser Fähigkeit frei und unabhängig von anderen, die dies sonst für mich tun würden.
Kinder lernen in der Montessori-Pädagogik, mit ihrer Freiheit umzugehen und erfahren, dass Freiheit nicht bedeutet, dass jeder machen kann, was er will, sondern Freiheit nur unter Einhaltung bestimmter Umgangsregeln stattfinden kann.

Inwieweit entsprechen die Übungen des täglichen Lebens nach Montessori der aktuellen Forderung nach Selbstbestimmung sowie eines achtsamen Verhaltens sich selbst und anderen gegenüber?

Damit das Kind schrittweise zur Unabhängigkeit vom Erwachsenen gelangen kann, erfand Montessori Übungen, die aus der häuslichen Umwelt des Kindes stammen wie z. B. Wassergießen, Übungen mit verschiedenen Verschlüssen (Verschlussrahmen), Metallputzen, Schnittblumenpflege usw. (vgl. Montessori Vereinigung e.V., Teil 1, 1986, S. 9).
Alle Materialien sind so aufgebaut, dass sie den kindlichen Wunsch nach Selbsttätigkeit provozieren. Sie unterteilte diese Übungen in verschiedene Bereiche:

  • Pflege der eigenen Person
  • Pflege der Umgebung
  • Pflege sozialer Kontakte
Das Kind sieht lebenspraktische Tätigkeiten beim Erwachsenen und ahmt sie nach. Auf Dauer entwickelt es ein Gefühl der Sicherheit und Unabhängigkeit. Die für diese Übungen benötigten Materialien entsprechen in Bezug auf Farbe, Form, Größe und Handlichkeit den Bedürfnissen des Kindes.Durch die lebenspraktischen Übungen lernt das Kind, mit den Dingen, die ihm täglich begegnen, leichter umzugehen und sie richtig zu benutzen. Sie helfen ihm, kleine Alltagshandlungen selbstständig und ohne fremde Hilfe zu bewältigen.
Jede einzelne Bewegung, die zu einer solchen Übung gehört, wird dem Kind ganz langsam und gut durchschaubar gezeigt, damit es den komplexen Handlungsablauf nachvollziehen kann.Gerade in Krisenzeiten wie wir sie im Jahr 2020 mit der Corona-Pandemie erleben, können einige Übungen nach Montessori auch zum achtsamen Verhalten sich selbst und anderen gegenüber beitragen. Hierzu zählen insbesondere Verhaltensregeln beim Husten, Niesen und Nase putzen und Übungen zum Händewaschen.

“Hände waschen”

Material:
Handwaschbecken im Waschraum, Seifenschale mit Seife entsprechend der Hand des Kindes, helles kleines Handtuch, Eimer, Aufnehmer.

Ziele:
  • Entwicklung und Koordination der Bewegung
  • Kombination mehrerer zu einem Gesamtvorgang gehörenden einzelnen Arbeitsvorgänge
Alter:
ab 3 Jahren

Darbietung und Übung:
  • Alle benötigten Materialien (siehe oben) stehen griffbereit oder werden vor dem Waschvorgang mit dem Kind gemeinsam geholt.
  • Die Leiterin stellt sich vor das Waschbecken und krempelt sich die Ärmel hoch.
  • Sie steckt den Stöpsel in das Waschbecken und füllt es mit lauwarmem Wasser.
  • Sie legt die Hände in das Wasser, hebt sie hoch und lässt sie leicht abtropfen.
  • Sie fasst die Seife an und beginnt, die Hände Finger für Finger einzuseifen, indem sie jeden Finger vom Nagel bis zur Wurzel einseift.
  • Sie legt die Seife an ihren Platz zurück.
  • Dann taucht sie die Hände wieder in das Wasser.
  • Sie reibt im Wasser die Handflächen aneinander, reibt mit der einen Hand den Rücken der anderen und umgekehrt und entfernt so den Seifenschaum.
  • Die Leiterin hält die Hände hoch und schüttelt sanft die Tropfen ab.
  • Der Stöpsel wird herausgezogen, damit das Wasser ablaufen kann.
  • Sie nimmt ein helles Handtuch und trocknet Finger für Finger vom Nagel bis zur Wurzel ab.
  • Das Handtuch wird zurückgehängt. (Ist das Handtuch sauber, wurden die Hände richtig gewaschen = selbstständige Fehlerkontrolle)
Nun führt das Kind die Übung in gleicher Weise durch. Nach der Übung stellen Leiterin und Kind alle benötigten Materialien zurück auf ihren Platz.

Weitere Übungsvorschläge
  • Man führt das Kind in den Gebrauch des Waschlappens ein.
  • Kinder zeigen sich gegenseitig, wie die Hände richtig gewaschen werden.
Anwendung der Übung im täglichen Leben
Das Kind wäscht sich vor jedem Essen selbstständig die Hände (vgl. Montessori Vereinigung e.V., Teil 1, 1986, S. 14/15).


[1] Aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung wechseln die weibliche und männliche Form in diesem Text. Selbstverständlich sind jeweils Personen jeglichen Geschlechts gemeint.

Quellen und Literatur


  • Holtstiege, Hildegard: Modell Montessori, Grundsätze und aktuelle Geltung der Montessori-Pädagogik, 6. Auflage, Feiburg im Breisgau, Herder, 1991.
  • Montessori-Vereinigung e. V. – Aachen: Montessori-Material Teil 1, Materialien für den Bereich Kinderhaus, Nienhuis, 1986.
  • Schmutzler, Hans-Joachim: Fröbel und Montessori, Zwei geniale Erzieher – Was sie unterscheidet, was sie verbindet, 2. Auflage, Freiburg im Breisgau, 1991.
  • Wilmes, Andrea: „Hilf mir, es selbst zu tun“ – Montessori im Alltag der Kita erleben , Praxisband, Bildungsverlag Eins GmbH, Köln, 2020.

Über die Autorin


Andrea Wilmes wurde 1963 in Hamm geboren.
Nach sechsjähriger Berufstätigkeit als staatlich anerkannte Erzieherin und anschließendem Besuch der KFH Münster, schloss sie hier ihr Studium 1993 als Diplom-Sozialpädagogin ab. Während des Studiums begann sie 1992 einen Lehrgang zur Ausbildung von Montessori-ErzieherInnen und erwarb mit Abschluss dieser Zusatzausbildung 1994 das Montessori-Diplom.
Seit 1993 unterrichtet sie am St. Franziskus-Berufskolleg in Hamm angehende ErzieherInnen und seit 2003 auch SchülerInnen mit dem Ausbildungsziel "Staatlich geprüfte Sozialassistentin/Staatlich geprüfter Sozialassistent".

Neben zahlreichen anderen Werken ist sie u. a. Autorin des Praxisbands »Hilf mir, es selbst zu tun – Montessori im Alltag der Kita erleben«.