Ferdinand Klein: Wie die Erzieher/-innen die erschwerte pädagogische Situation gestalten können


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Eine Erzieherin begegnet Anna, einem Kind mit Autismus, in der Erziehungssituation

Wir begegnen uns
Die Erzieherin erzählte mir, wie sie die erschwerte pädagogische Situation mit Anna gestaltet: „Anna, 4 Jahre alt, ist ein zierliches, blondlockiges Kind mit ernsten Augen, die nicht wahrzunehmen scheinen. „Frühkindlicher Autismus“ lautet die Diagnose. […]. Anna brummt vor sich hin. ‚MMM – MMM‘ ist zu hören. Ich meine, sie will mir etwas sagen – warum antworte ich eigentlich nicht in ihrer Sprache? Jetzt weiß ich plötzlich, worauf sie vielleicht wartet: Ich antworte ihr im gleichen Rhythmus ‚MMM – MMM‘. Anna dreht den Kopf zu mir und wiederholt erstaunt fragend ‚MMM – MMM‘. Ich antworte wieder in unserer nun gemeinsamen Sprache. Anna ist hellwach, ihre Augen blicken nicht mehr ins Leere, sie schaut mich an, wir begegnen uns. Unser Gespräch geht zwischen uns hin und her [...].“
 
Die Erzieherin erfüllt zentrale Forderungen nach Inklusion
Hier begegnen sich zwei Menschen und gestalten gemeinsam die pädagogische Situation. Die Erzieherin erfüllt zentrale Forderungen nach Inklusion von der die UN-Behindertenrechtskonvention spricht: Achtung der Würde des einzelnen Kindes. Bei dieser achtsamen Haltung stehen das Gefühl der eigenen Würde (sense of dignity) und das Gefühl der sozialen Zugehörigkeit (sense of belonging) im Mittelpunkt. Die Würde des Kindes ist nicht an bestimmte Eigenschaften gebunden, sondern vielmehr an die Art, wie dem Kind begegnet wird. Die Eigenschaften sind zweitrangig, vorrangig ist die zu gestaltende Beziehung.
 
Wie können wir diese pädagogische Situation verstehen und deuten?

Einfühlende Begegnung ist ganz ursprünglich
Es begegnen sich zwei Menschen von Angesicht zu Angesicht und gestalten gemeinsam die Situation, die Annas Erzieherin verantwortet. Für sie steht das Antlitz des Kindes außerhalb des Festzulegenden, das sich nicht durch Vergleich bestimmen oder gar falsifizieren und verifizieren lässt. Diese einfühlende Begegnung mit dem Kind kann nicht logisch hergeleitet werden, denn sie ist selbst Ursprung oder Anfang. Das Antlitz des Kindes Anna ruft die Erzieherin unmittelbar in die pädagogische Verantwortung (Klein 2018, S. 117).
 
Mit dem Kind im Dialog sein
Anna wird für die Erzieherin zum aufgegebenen Du. In dieser Ich-Du-Beziehung entwickelt sich nach dem Philosophen und Pädagogen Martin Buber eine Wandlung des Ich und des Du. Buber weist auf das Wesentliche des Grundwortes „Ich – Du“ hin, das nicht im Ich allein und nicht im Du allein gefunden werden kann, sondern im Zwischen. Das Zwischen oder die Beziehung, ist eine Urkategorie menschlicher Wirklichkeit, sie ereignet sich in der Begegnung von Mensch zu Mensch immer wieder neu und kann verlorenes Vertrauen des Kindes wiedergewinnen. Hier entwickelt sich das Ich des Kindes am Du der Erzieherin (Buber 1983, S. 18).
 
Die Erzieherin schöpft aus den Quellen des Guten
In diesem dialogischen Begegnungsraum ist nach Buber der göttliche und menschliche Geist unterwegs, der aus den Quellen des Guten schöpft. Woher kommt das Gute? Entspringt es aus der Beziehungsfähigkeit der Menschen untereinander, indem sie Sorge, Mitleid und Liebe empfinden? Oder finden wir das Gute, indem wir uns entschließen, es zu tun – soweit unsere Fähigkeit und unser Bewusstseinsvermögen reichen, unsere Erfahrung und Bereitschaft wächst aus Fehlern zu lernen? Wir erkennen: Eine Erzieherpersönlichkeit, die aus ihrem freien Willen heraus nach der Idee des Guten handelt, kann mit dem Kind ein gemeinsames Dasein gestalten.

Die Erzieherin spürt dem Kind mit dem Herzen nach
Der französische Flieger Antoine de Saint-Exupéry zeigt das in Der Kleine Prinz. Seine Kunst spricht Kinder und Erwachsene gleichermaßen an. Sie bewegt innerlich. Er verstand sein Schreiben und Fliegen als Dienst am Menschen.
Das Konkrete, das, was wir erleben, erahnen und vermuten, hat etwas mit unserem Bewusstsein, mit Geist und Gefühl, mit Psyche und Emotionen, mit Empathie und Mitleid zu tun – fern bloßer Sentimentalität. Gerade das Gefühl wird in Studien zur Ethik und in der neurobiologischen Forschung häufig mit dem erkennenden Herz, mit der Kraft des liebenden Herzens in Verbindung gebracht.
Das Bejahen des Guten müsse aus dem Herzen kommen und nicht aus dem Kopf allein. Studien zeigen, dass sich weltweit eine „empathische Zivilisation“ entwickelt, die sich von materiellen Nutzwerten und dem Glück durch Reichtum abwendet und sich zu mehr Mitgefühl mit dem Anderen, dem Leidenden, dem Ausgestoßenen und Vernachlässigten zuwendet (Klein 2018, S. 195).
Antoine de Saint-Exupéry drückt das in seinem dichterischen Werk so aus:
„‚Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.‘
‚Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar‘, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
‚Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.‘
‚Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe‘ […], sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
Und er warf sich ins Gras und weinte.
‚Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen‘, sagte der Fuchs. ‚Aber du darfst sie nicht vergessen.
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich […].
‚Ich bin für meine Rose verantwortlich‘ […], wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.‘“ (Saint-Exupéry, zit. n. Klein 2019, S. 41)

Die Erzieherin folgt dem „Gesetz des Herzens“
Die Erzieherin folgt dem Urbedürfnis des Menschen nach einer „transzendenten Verankerung des Lebens“ bei dem das „Gesetz des Herzens“, das mitfühlende Miteinander, die Sorge um und die Freude mit dem anderen Menschen ihre Wirkung entfalten. Diesen menschheitsgeschichtlichen Befund bestätigen Forschungen. So führt der Neurobiologe Gerald Hüther an zentraler Stelle aus, dass ein Kind auf Bindungspersonen angewiesen ist und zu ihnen in einer „engen emotionalen Beziehung“ stehen müsse, damit in ihm „starke innere Bilder in Form der dabei gebahnten Verschaltungen entstehen“ (Hüther 2012, S. 95). Durch diese mit- und einfühlende Haltung der Erzieherin kann das Kind seine unverwechselbare Individualität entwickeln.

Die Erzieherin dient dem Kind mit ihrer Professionalität
Die Erzieherin begegnet im gemeinsam geteilten Raum und in der gemeinsam geteilten Zeit dem Kind. Sein Entwicklungs- und Lernbedürfnis und seine Lebensnot stellen ihr eine Aufgabe. Die „alte“ Heilpädagogik würde sagen: Das gegebene Kind ist ihr aufgegeben und verheißen. Heute spricht man in der systemischen Denkweise des sozialen Konstruktivismus von Co-construction (Ko-Konstruktion). Darin spiegelt sich die Bedeutung von „Co“ (= zusammen, miteinander) und construction (= das Teilen von Erfahrungen, von Gegenwart, von Erkenntnis und Einsicht).
Annas Erzieherin ist im Sinne des griechischen Wortes therapeuein tätig: Sie begleitet das Kind mit einer helfenden und dienenden Haltung, wendet sich aus dem innersten Menschsein dem Bedürfnis und dem Bedarf des Kinds zu. Die Erzieherin antwortet dem Kind mit ihrer Professionalität, mit ihrer Werthaltung und mit ihrer Handlungs- und Sozialkompetenz.

Die Erzieherin pflegt die Einheit von Theorie und Praxis
Die Erzieherin ist offenkundig fähig, die Liebe zum Leben geistesgegenwärtig zu pflegen. Sie hat das behindernde begriffliche Denken hinter sich gelassen, mit „sehendem Herzen“ und einfühlendem Erkennen das leiblich-seelische Sein des Kindes erspürt. Sie realisiert mit ihrer Erziehungskunst die Einheit von Theorie (Anschauung) und Praxis (Handlung). Der Prüfstein ihres Wirkens ist das Leben selbst, in dem die Theorie sich als sinnvoll erweist. Die Theorie kann im Team von Menschen unterschiedlicher Fachkompetenzen geprüft und weiterentwickelt werden.

Die Erzieherin folgt dem Sinnkriterium der Erziehung
Sie machte sich in dem Augenblick überflüssig, in dem das Kind sich selbst Gegenstände der Kultur aneignen kann, nicht irgendwann später, sondern immer in dem Moment, in dem sich zeigt, dass das Kind aus eigener Initiative tätig ist. Genau das ist das entscheidende Sinnkriterium der Erziehung. Diese aufmerksame und achtsame Lern- und Entwicklungshilfe unterscheidet sich prinzipiell von Methoden, die das Kind als Objekt wahrnehmen und den gemessenen Lernerfolg weiter verbessern wollen. Das Anstreben einer Leistungsnorm darf kein ausreichendes pädagogisches Ziel sein, weil dadurch die Erzieherin in Normen hängen bleibt, die von außen gesetzt werden. Vorgegebene Leistungsnormen oder Lernziele behindern die einfühlende Professionalität der Erzieherin.

Heute wird die Qualität der Beziehung gründlich erforscht

Der Neurobiologe Giacomo Rizzolatti und der Wissenschaftsphilosoph Corrado Sinigaglia entdeckten vor etwa 10 Jahren Zellen im Gehirn, die nicht nur Handlungen, sondern auch Gefühle spiegeln. Durch diese Spiegelneurone (englisch: mirror-neurons; Nervenzellen im Gehirn) erhält der ganze Bereich der Empathie und Sympathie eine neue Bedeutung. Neurone gestatten dem Gehirn, die beobachteten Bewegungen und wahrgenommenen Gefühle mit den eigenen in Beziehung zu setzen und dadurch deren Bedeutung zu erkennen. Beobachtet ein Kind eine Handlung der Erzieherin, dann werden bei ihm Nervenzellen aktiv, und zwar so, als wenn es selbst aktiv wäre. Nervenzellen werden spiegelbildlich aktiv.Beobachtet die Erzieherin das Kind oder das Kind die Erzieherin, dann wird im Gehirn derselbe Bereich aktiv, der auch beim Beobachteten aktiv ist. Das bedeutet: Das Kind spürt und empfindet den Schmerz oder das Leid, die Freude oder die Zufriedenheit der Erzieherin, und umgekehrt spürt und empfindet die empathisch wirkende Erzieherin den Schmerz und die Freude des Kindes. Sieht man beide Aspekte als zwei Seiten der Medaille, dann kann man sagen: Das Kind ist in dem von der Erzieherin gestalteten Bildungsraum mit ihr in gewisser Weise leiblich und emotional verbunden.
In diesem Raum begegnen sich Menschen als gleichwertige Partner auf Augenhöhe – ohne negative Zuschreibungen, ohne distanzierte Beschreibungen und Bewertungen. Die Empathie der Erzieherin darf aber nicht zur Identifikation mit dem Kind führen. Das würde ja bedeuten, dass sie ihre Aufgabe als einfühlsame situationsorientierte Begleiterin nicht mehr erfüllt und das Kind für sich vereinnahmt.Zusammenfassend können wir sagen: Spiegelneurone ermöglichen dem Kind schon ganz früh die äußeren Bewegungen und die inneren Beweggründe der einfühlenden Erzieherpersönlichkeit im Gehirn auf neuronaler Ebene zu imitieren. Der Vorgang der Spiegelung ereignet sich simultan, intuitiv und ohne jedes Nachdenken. Von der wahrgenommenen Handlung wird eine interne neuronale Kopie hergestellt, die es dem Kind ermöglicht, die Handlung des Anderen auf seine Art und Weise nachzuahmen. (Klein 2019, S. 255)

Fazit
- Einige Forscher sehen in den Spiegelneuronen den Ursprung für die Entwicklung der Empathie des Menschen und die Bildung von Sozial- und Sprachkompetenz. Sogar Autismus, eine starke Störung der Beziehung, wird damit erklärt, dass Kinder keine Spiegelneurone entwickeln konnten und deshalb kein oder nur ein geringes Verständnis für Gefühle und nachahmendes Lernen entwickeln. Sie fühlen sich im Inneren blockiert und leben isoliert in ihrer selbstbezogenen Welt. Das schmerzt. Sie leiden darunter. Anna auch.
- Annas Erzieherin findet eine Brücke zum Kind, handelt ganz intuitiv und mit Empathie situationsgerecht. Sie erspürt durch ihren einfühlenden Dialog das Fundament der Beziehungsgestaltung, das heute die Hirnforschung zunehmend deutlicher erkennt: Anbahnen und Verankern der grundlegenden Erfahrungen in den Strukturen des Gehirns, die das (sprachliche) Handeln des Kindes hervorlocken und ihm ein geglücktes Zusammensein ermöglichen. Die empathische Beziehungserfahrung der Erzieherin und Erkenntnis der Wissenschaft sollten die pädagogische Arbeit mit Kindern in allen KiTa-Bildungseinrichtungen leiten. Die Achtung der Würde des Kindes ist uns in Forschung, Lehre und Praxis weiter aufgegeben.

Literaturhinweise


Buber, M.: Ich und Du. Lambert Schneider, Heidelberg 1983

Hüther, G.: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012

Klein, F.: Mit Janusz Korczak Inklusion gestalten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018

Klein, F.: Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita. Heilpädagogische Grundlagen und Praxishilfen. 3. Auflage. Bildungsverlag EINS, Köln 2019
 
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Der Autor Ferdinand Klein ist Erzieher, Heilpädagoge, Logotherapeut und Universitätsprofessor. Er lernt bis heute von Kindern.