Lehrerausbildung in einer digitalen Welt

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft beeinflusst nachhaltig nahezu alle Lebensbereiche. Auch für die Lehrerausbildung ergeben sich neue Herausforderungen. Zu diesem Thema steht uns Oliver Schmieszek vom Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) Gelsenkirchen Rede und Antwort.

Welche Veränderungen ergeben sich aus der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft für die Lehrerausbildung?


Beherrschung der Technik unter Berücksichtigung des Primats des Pädagogischen

Ein zentrales Ziel der Ausbildung muss es natürlich sein, die Referendarinnen und Referendare mit den Kompetenzen auszustatten, um die inzwischen in den Schulen vorhandenen technischen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen. Dabei geht es aber nicht darum, allein aufzuzeigen was technisch machbar ist, sondern vielmehr darum, die Referendarinnen und Referendare dazu zu befähigen, vor dem Hintergrund ihrer unterrichtlichen Zielsetzungen und der Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler, zielführende und sinnstiftende mediale und methodische Entscheidungen zu treffen. Es gilt das „Primat des Pädagogischen“ vor dem technisch Machbaren. Es muss stets die Frage diskutiert werden, ob die neue Technik geeignet ist, dem Erziehungs- und Bildungsauftrag besser nachzukommen.

Seminarausbilder als Modelle

Die Referendarinnen und Referendare sollen in der Seminarausbildung aus der Perspektive der Lernenden beispielhaft erfahren und reflektieren, wie digitale Werkzeuge genutzt werden können, um anregende Lernumgebungen zu schaffen, unterschiedliche Zugänge und variable Lernwege zu ermöglichen sowie individuelle und kooperative Lernformen und selbstgesteuerte Lernprozesse zu unterstützen. Insoweit soll die Mediennutzung der Seminarausbilder vorbildlich für die Gestaltung schulischer Lernprozesse sein. Mediale und methodische Entscheidungen der Seminarausbilderinnen und Seminarausbilder werden transparent gemacht und kritisch reflektiert.

Kooperation mittels digitaler Werkzeuge

Die Lernplattform des ZfsL Gelsenkirchen ermöglicht es allen Kern- und Fachseminarleitern ihre Arbeit in virtuellen Kursräumen zu organisieren. Dort können z.B. Dateien und Arbeitsergebnisse ausgetauscht oder Befragungen durchgeführt werden. Ferner dient die Lernplattform der Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Ausbilderinnen und Ausbildern sowie Referendarinnen und Referendaren. Natürlich haben auch die Ausbildungsbeauftragten der Ausbildungsschulen jederzeit Zugriff auf alle zentralen Informationen und Dokumente.

Nutzung der Kompetenzen der Referendarinnen und Referendare

Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet so dynamisch voran, dass es wohl unmöglich ist, über sämtliche Facetten stets einen abschließenden Überblick zu haben. Daher ist ein gegenseitiger Austausch zwischen Ausbilderinnen und Ausbildern sowie Referendarinnen und Referendaren ausdrücklich erwünscht. Ein kritischer Austausch über neue unterrichtliche Werkzeuge, Informationskanäle, Lernmedien etc. kann für beide Seiten nur ertragreich sein. Den Referendarinnen und Referendaren wird daher im Rahmen der einzelnen Ausbildungsformate immer wieder Raum gegeben, ihre Kennnisse an andere Lernende aber auch an die Seminarausbilderinnen und Ausbilder weiterzugeben.

Hoher Stellenwert von rechtlichen Aspekten der Digitalisierung

Die Digitalisierung der Gesellschaft und auch des Lehrens und Lernens wirft ständig neue juristische Fragestellungen auf (Urheberrecht, Recht am eigenen Bild, Schutz personenbezogener Daten etc.). Diese Fragen werden mit den Referendarinnen und Referendaren diskutiert, um ein rechtssicheres Agieren im schulischen Umfeld zu gewährleiten.

Digitalisierung als integraler Ausbildungsbestandteil

Die oben diskutierten Aspekte der Digitalisierung sollen nicht separat im Rahmen von Kompakttagen oder ähnlichen Settings vermittelt werden. Vielmehr sollen die Folgen der Digitalisierung für das Lernen und Lehren immer integral mitgedacht werden, d.h. in sämtlichen Ausbildungsformaten und in allen Seminarzusammenhängen sollen immer auch Aspekte der Digitalisierung Gegenstand der Diskussion sein.

Welche Besonderheiten gibt es in diesem Zusammenhang für die berufliche Ausbildung?


Enge Anknüpfung an die Arbeitswelt 4.0

Für das Lehramt an Berufskollegs spielt die Anknüpfung an die Arbeitswelt natürlich eine besondere Rolle. Viele Berufsbilder verändern sich im Zuge der Digitalisierung radikal. Wenn die Referendarinnen und Referendare ihren Schülerinnen und Schülern berufliche Handlungskompetenz vermitteln wollen, sind Kenntnisse der beruflichen Realität natürlich zwingend erforderlich. Im Rahmen der Seminarveranstaltungen ist infolge dessen stets ein besonderes Augenmerk auf Veränderungen der Geschäftsprozesse in den jeweiligen Ausbildungsberufen zu legen. Die Seminarausbilder gewährleisten dies durch regelmäßige Fortbildungen bei den zuständigen Berufsverbänden und Kammern bzw. einem regelmäßigen Austausch mit Unternehmen aus der beruflichen Praxis.

Projektorientierte Arbeit

Die Digitalisierung führt in der Wirtschaft zu einer engen Verzahnung zwischen z.B. ehemals isolierten Unternehmensbereichen (Abteilungsgrenzen werden aufgehoben) oder auch zwischen unterschiedlichen Unternehmen (z.B. zwischen Lieferanten und Abnehmern). Einheitliche Softwarelösungen werden implementiert und die Mitarbeiter arbeiten zeitgleich an gemeinsamen Projekten um Synergien zu realisieren.

Diese enge Verzahnung und Kooperation findet sich auch in der Seminararbeit wieder. Die strikte Trennung zwischen Fach- und Kernseminar bzw. zwischen den unterschiedlichen Fächern wird (zumindest zeitweise) aufgehoben. Es wird mittels digitaler Werkzeuge in Echtzeit gemeinsam projektorientiert an Aufgabenstellungen gearbeitet.

Individualisiertes Lernen

Gerade am Berufskolleg sind die Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler teilweise sehr heterogen. Digitale Lernumgebungen bieten die Möglichkeit, diesem Umstand durch individualisierte Lernwege Rechnung zu tragen. Ferner schaffen individuelle Lernarrangements Freiräume für die Lehrkraft sich gezielt mit einzelnen Lernenden zu beschäftigen. Methoden und Medien zur Individualisierung von Lernprozessen haben daher in der Seminarausbildung einen besonders hohen Stellenwert.

Welche Kompetenzen muss Schule heute vor dem Hintergrund einer zunehmend digitalisierten Welt vermitteln?


Besonderer Fokus auf die Filterkompetenz in einer digitalen Welt sowie medienethischer und medienpädagogischer Fragestellungen

In unserer digitalisierten Welt ist inzwischen nahezu jede Information in Sekundenschnelle verfügbar. Das auf rein reproduzierbare Wissensbestände angelegte Lernen verliert dadurch weiter an Bedeutung. Immer wichtiger wird indes die Kompetenz der Informationsfilterung: Fakten müssen hinsichtlich ihrer Herkunft und Richtigkeit überprüft, analysiert, verknüpft und eingeordnet werden. Neben dieser Filterkompetenz sollten die Referendarinnen und Referendare auch medienethische und medienpädagogische Fragestellungen mit ihren Schülerinnen und Schülern diskutieren. Das eigene Medienverhalten sollte stets kritisch reflektiert werden und die Schülerinnen und Schüler sollten einen verantwortungsbewussten Umgang mit den digitalen Medien erlernen und ein Bewusstsein für Probleme, wie etwa der Datensicherheit im Internet oder der Gefahren sozialer Medien, entwickeln.

Förderung der 4K-Skills

In einer digitalisierten Welt sollte Schule besonders die Kompetenzen fördern, die nur schwer oder gar nicht von Computern oder Maschinen ersetzt werden können bzw. dazu geeignet sind, in einer immer komplexeren Arbeitswelt zu bestehen. Dies sind nach dem 4K-Modell insbesondere kritisches Denken, Kreativität, Kollaboration und Kommunikation.

Ihr Autor


Oliver Schmieszek, Dipl. Kaufmann, Fachanwalt für Steuerrecht LL.M., StD, ist als Fachseminarleiter für die Fächer Wirtschaftswissenschaften und Spezielle Wirtschaftslehre sowie als Kernseminarleiter am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Gelsenkirchen im Rahmen der Lehrerausbildung tätig.

Ferner unterrichtet er mit dem Schwerpunkt Steuerlehre am Berufskolleg Gladbeck und ist seit vielen Jahren Lehrbeauftragter am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen.
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