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Frühfluktuation – Wenn die Ausbildung schon kurz nach dem Start endet

Lesedauer: 7 Minuten
Es ist Anfang August oder September. Das neue Ausbildungsjahr beginnt. Die Verträge sind unterzeichnet, alle Ansprechpersonen und Ausbilder/-innen haben sich auf die neuen Azubis vorbereitet. Und trotzdem endet ein Teil der Ausbildungsverhältnisse bereits nach wenigen Wochen oder Monaten.

Frühfluktuation bezeichnet das vorzeitige Ende eines Ausbildungsverhältnisses kurz nach Ausbildungsbeginn. Für Ausbildungsbetriebe ist sie nicht nur administrativ aufwendig und frustrierend. Angesichts des Fachkräfte- und Nachwuchsmangels kann sie auch zu einem handfesten Problem werden.

Deshalb schauen wir in diesem Beitrag auf die aktuellen Zahlen, mögliche Gründe und wirksame Gegenmaßnahmen.

Wie groß ist das Problem wirklich?

Die vom Bundesinstitut für Berufsbildung berechnete Vertragslösungsquote lag im Jahr 2024 bei 29,7 Prozent. Insgesamt wurden in diesem Jahr 159.024 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. [1]

Besonders auffällig ist der frühe Zeitpunkt vieler Vertragslösungen: 34,7 Prozent erfolgten bereits während der Probezeit. Weitere 32,9 Prozent fanden nach der Probezeit, aber noch innerhalb der ersten zwölf Monate nach Ausbildungsbeginn statt. Insgesamt entfielen damit gut zwei Drittel aller Vertragslösungen auf das erste Jahr nach Vertragsbeginn. [1]

Wichtig ist dabei: Eine vorzeitige Vertragslösung ist nicht automatisch mit einem endgültigen Ausbildungsabbruch gleichzusetzen. Sie kann auch mit einem Wechsel des Ausbildungsbetriebs oder des Ausbildungsberufs verbunden sein. Etwa die Hälfte der Betroffenen schließt relativ zeitnah erneut einen Ausbildungsvertrag im dualen System ab. Je nach untersuchter Region, Zuständigkeitsbereich und Beobachtungszeitraum liegt dieser Anteil Studien zufolge zwischen etwa 40 und 70 Prozent. [1]

Für den bisherigen Ausbildungsbetrieb bedeutet eine Vertragslösung dennoch zusätzlichen Aufwand: Zeit und Ressourcen wurden bereits in Auswahl, Einarbeitung und Begleitung investiert. Zudem lässt sich ein frei gewordener Ausbildungsplatz häufig nicht kurzfristig neu besetzen.

Warum enden Ausbildungsverhältnisse so früh?

Eine einzelne, klar abgrenzbare Ursache gibt es meist nicht. Hinzu kommt, dass die Berufsbildungsstatistik die konkreten Gründe für Vertragslösungen nicht erfasst. [1] Studien und Befragungen zeigen jedoch wiederkehrende Muster:

  • Falsche Erwartungen und Berufswahlkompromisse: Der tatsächliche Berufs- und Arbeitsalltag entspricht nicht den Vorstellungen der Azubis. Das kann in den ersten Wochen zu einem „Realitätsschock“ führen. Untersuchungen des BIBB zeigen, dass deutliche Kompromisse bei der Berufswahl mit einem erhöhten Risiko einer vorzeitigen Ausbildungsbeendigung verbunden sind. [2]

  • Überforderung und fehlende Unterstützung: Neues Umfeld, neue Regeln, neue Menschen und neue Aufgaben – gerade zu Beginn kommt vieles gleichzeitig zusammen.

  • Fehlendes Ankommen im Betrieb: Azubis fühlen sich nicht ausreichend in das Team integriert oder wissen nicht, an wen sie sich mit Fragen und Problemen wenden können.

  • Mangelnde Kommunikation und Konflikte: Unklare Zuständigkeiten, fehlende Rückmeldungen oder ungelöste Konflikte können den Eindruck von Desinteresse und fehlender Wertschätzung vermitteln. [3]

  • Unzureichende Ausbildungsqualität und ungünstige Rahmenbedingungen: Fehlende Anleitung, unpassende Aufgaben, problematisches Führungsverhalten, belastende Arbeitsbedingungen oder interne Konflikte können das Risiko einer Vertragslösung erhöhen. [4]

  • Persönliche oder gesundheitliche Gründe: Auch Belastungen außerhalb des Betriebs können dazu führen, dass ein Ausbildungsverhältnis vorzeitig endet. [4]

Auszubildende nennen insbesondere Konflikte, mangelnde Ausbildungsqualität, ungünstige Arbeitsbedingungen und falsche Berufsvorstellungen als Gründe. Betriebe verweisen unter anderem auf Schwierigkeiten bei Leistung, Motivation und Integration. Die Ursachen liegen daher selten nur auf einer Seite. [4]

Wie wichtig die Kommunikation ist, zeigte bereits eine 2016 veröffentlichte Untersuchung des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen. Der Forschungsbericht trägt den Titel „Exit statt Voice“; bekannt wurde die Studie auch unter der Überschrift „Reden ist Gold“. In qualitativen Interviews mit rund 25 Expert/-innen aus dem Umfeld von Auszubildenden und Ausbildungsbetrieben erwiesen sich eine fehlende Gesprächskultur, unklare Ansprechpersonen sowie mangelnde Anleitungs- und Feedbackgespräche als zentrale Problembereiche. [3]

Was hilft? Onboarding bleibt das Fundament!

Wie wir bereits im Blogbeitrag zum Thema Onboarding beschrieben haben, beginnt die Bindung an den Ausbildungsbetrieb nicht erst am ersten Arbeitstag. Schon das Preboarding – also die Zeit zwischen Vertragsunterzeichnung und Ausbildungsstart – kann entscheidend sein.

Ein strukturierter, wertschätzender Einstieg mit einem klaren Plan, festen Ansprechpersonen und einem echten Willkommensgefühl schafft gute Voraussetzungen dafür, dass Azubis im Betrieb ankommen und sich orientieren können.

Onboarding ist damit ein wichtiger Hebel gegen Frühfluktuation – aber nicht der einzige.
Folgende Maßnahmen können zusätzlich helfen:

  • Realistische Einblicke vor Vertragsabschluss ermöglichen:
    Schnuppertage, Praktika und ehrliche Einblicke in den tatsächlichen Arbeitsalltag helfen dabei, Erwartungen frühzeitig mit der Realität abzugleichen. Das BIBB bezeichnet Praktika als besonders wichtiges Instrument, um junge Menschen auf einen Beruf vorzubereiten. [5]

  • Regelmäßig nachfragen:
    Nicht nur am ersten Tag, sondern während der gesamten Anfangsphase sollten kurze Gespräche stattfinden: Wie läuft es? Was ist noch unklar? Wo wird Unterstützung benötigt? So lassen sich Überforderung und Unzufriedenheit früh erkennen. Die SOFI-Studie zeigt, dass fehlende Kommunikation und kaum stattfindende Anleitungsgespräche Konflikte verschärfen können. [3]

  • Eine feste Vertrauensperson benennen:
    Das kann beispielsweise ein Azubi aus einem höheren Ausbildungsjahr oder eine erfahrene Person aus dem Team sein. Eine solche Begleitung senkt die Hürde, Fragen zu stellen oder Probleme anzusprechen.

  • Konkretes Feedback geben:
    Differenzierte und regelmäßige Rückmeldungen sind hilfreicher als ein allgemeines „Passt schon“. Mehr dazu erläutert unser Blogbeitrag „Feedbackkultur in der digitalen Ausbildung“.

  • Stress und Überforderung frühzeitig ansprechen:
    Belastungen sollten nicht erst thematisiert werden, wenn die Situation bereits eskaliert ist. Weitere Anregungen bieten unsere Beiträge „Stresskompetenz stärken“ und „Mental Load“.

  • Klare Wege für Konfliktfälle vereinbaren:
    Azubis und Ausbilder/-innen sollten wissen, an wen sie sich bei Problemen wenden können und wie Konflikte bearbeitet werden. Mehr dazu steht im Blogartikel „Konfliktmanagement“.

  • Das gesamte Team interkulturell sensibilisieren:
    Nicht unterschiedliche kulturelle Hintergründe an sich sind das Problem. Unterschiedliche Kommunikationsgewohnheiten und unausgesprochene Erwartungen können jedoch Missverständnisse begünstigen. Deshalb sollten nicht nur die Azubis, sondern alle Beteiligten einbezogen werden. Hinweise dazu gibt unser Blogartikel „Interkulturelle Kompetenz“.

  • Bei Bedarf externe Hilfe hinzuziehen:
    Nicht jedes Problem muss der Betrieb allein lösen. Die Ausbildungsberatungen der Kammern und die Jugendberufsagenturen können bei Schwierigkeiten beraten und passende Unterstützung vermitteln. [6] Auch die Assistierte Ausbildung kann Azubis und Betriebe beispielsweise bei schulischen Herausforderungen, persönlichen Problemen oder Konflikten im Betrieb begleiten. [7]
Fazit

Nicht jede vorzeitige Vertragslösung lässt sich verhindern – und nicht jede ist grundsätzlich negativ. Manchmal ist ein Wechsel des Betriebs oder des Berufs eine sinnvolle Neuorientierung. Viele Risiken für Frühfluktuation lassen sich jedoch beeinflussen: durch realistische Einblicke vor Ausbildungsbeginn, eine hohe Ausbildungsqualität, verlässliche Ansprechpersonen, regelmäßige Gespräche und frühzeitige Unterstützung. Nehmen wir die sensible Anfangsphase ernst, gestalten wir das Onboarding sorgfältig und begegnen wir unseren Azubis mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung, erhöhen wir die Chance auf langfristig stabile Ausbildungsverhältnisse. Lassen Sie uns Azubis nicht nur gewinnen, sondern nachhaltig binden!
Beitrag von Andy Lüdemann
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