Hallo Julian. Kurz zu dir: Wie und warum setzt du dich beruflich mit Prüfungen in der Ausbildung auseinander?
Ich nehme seit weit über zehn Jahren mit anderen Kollegen zusammen die Prüfungen für die Ausbildung Mediengestalter Bild und Ton ab. Außerdem bin ich seit circa drei Jahren im Ausschuss der Prüfungsaufgabenerstellung für ganz Deutschland. Das ist natürlich für mich ein gutes Spiegeln: Ich sehe, wie die Prüfungsaufgaben ankommen und kann dann wieder daraus lernen hinsichtlich der Aufgabenerstellung.
Warum ich mich mit den Prüfungen auseinandersetze? Die Frage bekomme ich tatsächlich öfter gestellt (lacht). Weil, wenn du dich mit der Prüfungskorrektur und Prüfungserstellung auseinandersetzt, ist das ja ein Ehrenamt. Also du verdienst da nicht viel. Darum geht es auch gar nicht, aber um das zu erklären, muss ich kurz ein bisschen zurückspulen.
Mein Auskommen verdiene ich zum einen seit vielen Jahren als Dozent an der ARD.ZDF medienakademie. Dann kommt noch meine Haupttätigkeit hinzu: Seit über 20 Jahren betreibe ich zusammen mit meinem Kompagnon Julos TV, eine Produktionsfirma für den Industriefilm-Bereich. Da bieten wir von Werbefilmen über Erklärvideos bis hin zu Streamings ein breit gefächertes Spektrum. Dabei sind wir auf Freelancer angewiesen, die für uns und mit uns arbeiten. Und genau da schließt sich der Kreis.
Weil es bringt uns nichts, wenn jemand die Ausbildung macht mit einem tollen Abschluss und ich nehme sie oder ihn dann mit auf einen Einsatz und plötzlich zeigt sich: Die oder der Ausgebildete kann die Sachen nicht bedienen. Dann kann man sich natürlich aufregen, „Mensch, die Ausbildung ist nicht gut" – oder man sagt: „Okay, wir tragen unseren Teil dazu bei.“ Deswegen will ich mich als Prüfer und Prüfungsfragenersteller darum kümmern, dass die Ausbildung zum Mediengestalter weiterhin einen bestimmten Standard hat.
Und dieser Standard sollte in den Prüfungen abgefragt werden. Aber das gelingt nicht immer: Welchen Fehler siehst du am häufigsten beim Erstellen von Prüfungsfragen?
Genau genommen sind es zwei typische Fehler, die uns über die Jahre aufgefallen sind. Erstens das klassische Abfragen von Fakten, zum Beispiel: „Wie viel Bit hat ein SDI Videosignal?“ beziehungsweise „wie viel Millivolt hat ein Audiosignal, damit es nicht übersteuert?“ oder „was sind illegale Farben?“ So was versuchen wir nicht zu machen, denn damit erfährt man eher, wieviel der Prüfling auswendig gelernt hat und wenig übers Fachverständnis.
Zweitens sind die Fragen gern mal … einfach zu lang (schmunzelt). Es wirkt trivial, hat sich aber als das mit Abstand häufigste Problem bei unseren Prüfungen herauskristallisiert. Uns ist aufgefallen, dass die Azubis die Fragen nicht genau genug lesen und das liegt vielleicht auch daran, dass sich die Lesegewohnheiten und Aufmerksamkeitsspannen der jungen Generation verändert haben. Wenn man dann in der Frage ein Szenario lang en detail beschreibt, ist die Gefahr groß, dass entscheidende Dinge überlesen werden und die Prüflinge nicht korrekt antworten. Das ist natürlich für Prüfungsaufgaben total schlimm, weil wir versuchen, das so konkret wie möglich zu beschreiben. Und manchmal braucht man dafür eben zwei, drei Wörter mehr.
Warum sollte man sich überhaupt kurz fassen? Auszubildende sollen doch in der Prüfung zeigen, dass sie fachbezogene Herausforderungen meistern können, auch wenn es viel zu berücksichtigen gibt, oder?
Das Problem bei konfusen oder lang gestellten Aufgaben ist, dass Prüflinge falsch antworten, obwohl sie es eigentlich können. Und man will ja vorrangig das Können bewerten, nicht das Leseverständnis.
Also kein reines Faktenabfragen und in der Kürze liegt die Würze. Was kann noch helfen, gute Prüfungsfragen zu erstellen?
Bildmaterial kann unglaublich viel helfen, das Erfragte zu transportieren und auch Tabellen erleichtern das Verständnis. Am wichtigsten ist aber: Wir versuchen bei uns, im Prüfungsausschuss für die Ausbildung Mediengestalter Bild und Ton, sogenannte handlungsorientierte Aufgaben zu erstellen. Das heißt, du gibst ein Szenario vor und die oder der Auszubildende kann sich da reindenken.
Kannst du ein Beispiel nennen?
Der fiktive Auftrag lautet, auf einer Messe eine Pressekonferenz zu streamen. Dann taucht man ein und sagt: „Auf dieser Pressekonferenz hast du eine Kamera. Welche Objektive wählst du?“ … „Welche Kameraposition wäre angemessen?“ Also wir versuchen, dass sich der Prüfling in ein Szenario reindenken kann und anhand des Szenarios geht man die einzelnen Punkte Frage für Frage durch.
Der Praxisbezug ist das A und O. Wenn man nämlich stattdessen versucht, auf Biegen und Brechen irgendwelche Lerninhalte in die Fragen zu pressen, kann der Schuss häufig nach hinten losgehen. Dann liest die oder der Auszubildende die Frage und denkt vielleicht an was ganz anderes. Wenn man zum Beispiel fragt, „welche Bitrate ist optimal zum Streamen?“ – also allgemein fragt, gar nicht auf eine Situation bezogen – antwortet der Azubi dann, „die höchste Bitrate, XY Bit/s, ist die beste“. Aber eigentlich will man hören, „angemessen in Bezug auf die Internetverbindung, mit der und der Auflösung, mit der und der Framerate …“
Wir versuchen, genau solche Fehler zu vermeiden, indem wir im Ausschuss für die Prüfungsfragenerstellung versuchen, die Aufgaben der Kollegen zu beantworten, ohne auf die Lösungen zu gucken. Dabei sieht man dann schnell, wo nochmal härter definiert oder konkreter beschrieben werden muss. Es passiert auch, dass von drei Aufgaben, die ich stelle, nur eine in die Prüfung schafft, weil von den anderen zwei Fragen die eine für die Azubis vielleicht zu schwer zum Reindenken ist und die andere für die Korrigierenden zu schwierig zu bepunkten.
Wo wir gerade bei den Kolleginnen und Kollegen sind: Per Mail erreichen uns hin und wieder Anfragen, warum in den Prüfungen keine oder kaum Ankreuzaufgaben vorkommen. Das verstehe ich völlig, denn das würde einfach die Korrektur erleichtern und den Workload verringern.
(Weniger bekannt als der Workload – aber genauso wichtig – ist der sogenannte Mental Load. Mehr darüber erfahren Sie in diesem Blogbeitrag.)
Aber wie ich eben auch aus meiner eigenen Laufbahn gelernt habe, ist in diesem Berufsfeld die Praxis unheimlich wichtig. Und ob die Azubis darauf vorbereitet sind, erfährt man eben am besten mit handlungsorientierten Aufgaben – die möglichst mit Freitext beantwortet werden sollten, weil man da wirklich die individuelle Anwendungsfähigkeit sieht.
Gibt es Regularien oder andere Einschränkungen, die Prüfende beachten sollten?
Am Anfang, wenn du Prüfer wirst, also nicht Prüfungsersteller, sondern Prüfer, dann nimmst du an einem Prüfungsseminar teil. Und wenn jemand eine Prüfung antritt, gerade in der Praktischen, dann wird sie oder er erst mal gefragt, ob es da eine Befangenheit gibt. Während der Praktischen ist außerdem ein sogenanntes Fachgespräch Vorschrift. Das heißt, anhand einer Aufgabe wird dann situativ darüber gesprochen. Aber das gilt für die Prüfung zum Mediengestalter Bild und Ton.
Bei der Prüfungserstellung gibt es erstmal Lektoren, die natürlich das Formelle außen rum noch mal checken. Aber wir selbst schauen zum Beispiel, dass die Themen gleichmäßig verteilt sind. Du hast einerseits Arbeitssicherheitsthemen, du hast Videotechnik, aber auch Audio und du hast Medienwirtschaftsthemen und Medienrecht …
Und wenn du so zurückblickst: Hast du einen besonders schönen Moment in deiner Prüfung erlebt?
Ein besonders schöner Moment ist allgemein, wenn du nach einer gewissen Zeit die Prüfung aufmachst, korrigierst und merkst: Oh, der Azubi hat genau gecheckt, was du willst und denkt genau so mit, dass ich sage: „Das ist wirklich eine super Antwort. Die Person hat's wirklich verstanden.“ Das sind die schönsten Momente.
Hast du Tipps, wie sich Azubis am besten auf die Prüfung vorbereiten können?
Ja, das ist eine super Frage. Das gute für unsere Anwärterinnen und Anwärter ist, dass wir speziell in unserer Ausbildung total transparent sind. Es gibt nämlich extra eine frei verkäufliche Zusammenfassung mit den Prüfungen von den letzten Jahren. Man kann sich die alten Prüfungsaufgaben wirklich holen, wie bei den Führerscheinprüfungen. Vielleicht ist das auch in einigen anderen Ausbildungen so, das ist institutionell unterschiedlich.
(Beim Lernen allgemein können smarte Apps und Websites helfen, die wir in unserem Podcast vorstellen.)
Ein anderer Tipp zur Vorbereitung betrifft die Ausdauer. Bei uns dauert die schriftliche Prüfung circa drei Stunden, bei anderen Ausbildungen wird es ähnlich sein. Und sich so lange zu konzentrieren und zu lesen, das macht man heutzutage nicht mehr so oft. Und deswegen, so blöd wie's klingt, aber als Vorbereitung gerade für den schriftlichen Teil ist es wirklich wichtig, sich mal drei Stunden hinzusetzen und Beispiele durchzuarbeiten.
Apropos arbeiten: Dabei wollen wir dich nicht weiter stören. Wir danken dir herzlich für das Gespräch, Julian!
Gerne doch und danke für die Möglichkeit.
Beitrag von Joel Wille
Die wichtigsten Learnings:
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