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Speditionen werden digital

SENNDER, eine digitale Spedition, vor 6 Jahren als Start-up-Unternehmen gegründet, hat heute einen Wert von fast 1 Milliarde US-Dollar. Ähnlich FORTO, startete ebenfalls 2015 und wird nach der letzten Finanzierungsrunde mit über einer Milliarde US-Dollar bewertet. In der Start-up-Szene wird das Unternehmen damit als „Unicorn“ (Einhorn) bezeichnet. Man sieht an diesen beiden Beispielen: Die Speditionsbranche verändert sich rasant in Richtung Digitalisierung.

Man kann aber nicht sagen, dass es nur die dynamischen Start-up-Unternehmen sind, die den digitalen Wandel vorantreiben. Seit Jahrzehnten werden in den Speditionen (Logistikunternehmen) analoge Prozesse in digitale umgewandelt mit dem Ziel, die speditionellen Abläufe effizienter zu gestalten.
Von analog zu digital
Zunehmend verwenden Speditionen elektronische Formulare anstelle von Papierfassungen, z. B. Frachtbriefe, Konnossemente oder die Bank Payment Obligation als elektronischer Ersatz für das papierbasierte Dokumentenakkreditiv. Sendungen per Barcode oder RFID-Technik elektronisch zu erfassen und für eine Sendungsverfolgung zugänglich zu machen (Tracking & Tracing) ist im Speditionsgewerbe schon fast ein alter Hut. Die Lenk- und Ruhezeiten der Lkw-Fahrer werden heute fast ausnahmslos mit digitalen Tachografen erfasst. Kontrollgeräte, in denen eine Nadel die Fahreraktivitäten auf Schaublättern aufzeichnet, sind Auszubildenden schon vielfach nicht mehr bekannt. Über Telematik-Systeme können Speditionen sogar ihre gesamte Lkw-Flotte orten, verfolgen und in die Auftragsabwicklung einbeziehen. Wer heute – wie es früher gang und gäbe war – z. B. mit einer Ausfuhranmeldung in Papierform beim Zollamt erscheint, muss schon eine gute Begründung haben, warum er nicht das elektronische ATLAS-System für die komplette Zollabwicklung verwendet.

In den beschriebenen Veränderungen wird der 1. Aspekt der Digitalisierung im Speditionsgewerbe sichtbar:
1. Digitalisierung = Ersatz analoger (papierbasierter) Informationen durch digitale.
Industrie 4.0 - Logistik 4.0

Die Diskussion um Industrie 4.0, also die intelligente Vernetzung von Maschinen und Prozessen mit Hilfe digitaler Informations- und Kommmunikationstechniken, brachte einen neuen Innovationsschub für Logistikunternehmen. Denn Logistikdienstleister sind ein Verbindungselement innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette (Supply Chain). Sie müssen sich demnach am elektronischen Informationsaustausch beteiligen.

Damit ist man beim 2. Aspekt der Digitalisierung:
2. Digitalisierung = Durchgängige Computerisierung und Vernetzung des gesamten Logistikunternehmens mit dem Ziel, es fit zu machen für die Herausforderungen von Industrie 4.0.

Man spricht dann von Logistik 4.0, d. h., Vernetzung von Prozessen und Daten aller an der Wertschöpfungskette beteiligten Unternehmen, von den Produzenten über die Logistikdienstleister bis zu den Kunden.
Plattform-/Cloud-Ökonomie
Die technische Lösung für die Vernetzung der Beteiligten innerhalb der Supply Chain ist die Cloud- oder Plattform-Ökonomie. Alle Daten werden für einen definierten Nutzerkreis auf einer Plattform im Internet zur Verfügung gestellt. Die Unternehmen kooperieren digital über die Cloud. Das Ziel sind Effizienzgewinne durch die Optimierung der Prozessabläufe. Der Handel hat vorgemacht, wie es funktioniert, speziell Amazon, aber auch Zalando, Otto, Alibaba und viele andere mehr. Dem verbrauchergetriebenen Geschäftsmodell (B2C) folgte die Business-to-Business-Lösung (B2B). Das Cloud-Geschäftsmodell der Logistik ist Teil davon.
Digitale Speditionen
Was machen digitale Speditionen anders? Sie wollen ihre Kunden in die Lage versetzen, ihre globale Lieferkette vom Hersteller bis zum Endkunden digital zu steuern.
 
Das Grundgeschäft, die Besorgung einer Güterversendung, läuft gewöhnlich wie folgt ab: Verlader stellen ihre Sendungsdaten auf der Plattform ein und erhalten sekundenschnell ein Preisangebot. Dabei handelt es sich um einen tagesaktuellen Marktpreis, den die Online-Spedition aus Marktdaten (und mit Hilfe Künstlicher Intelligenz) errechnet hat. Ist der Verlade mit dem Preis einverstanden, kann er sofort online buchen. Die Online-Spedition sucht nun einen Frachtführer, der den Transport durchführt. Sendungsverfolgung, Güterversicherung und Dokumentenmanagement sind weitere Leistungen der Online-Spedition. Der Verlader kann den gesamten Beförderungsprozess auf der Plattform der Online-Spedition verfolgen. Letztlich wird der komplette Auftrag über die Plattform papierlos mit höchster Geschwindigkeit abgewickelt.

Leistungsprozesse Spedition und Logistik - Informationshandbücher und Lernsituationen

978-3-427-31435-6 
18. Auflage 2022
41,95 € | 552 Seiten
Der bewährte Lehrwerksverbund aus Lernsituationen und Informationshandbuch entspricht dem gültigen Lehrplan nach Lernfeldern und fördert gezielt die Handlungskompetenz. Informationshandbuch und Lernsituationen bilden eine Einheit aus fachsystematisch strukturiertem Basiswissen sowie komplexen handlungsorientierten Arbeitsaufträgen.

Die Lernsituationen (18. Auflage 2022, 978-3-427-31436-3) sind die ideale Arbeitsgrundlage für den Distanzunterricht. Befinden sich die Lernsituationen in der Hand der Auszubildenden, ist lediglich die Anmoderation der Lernsituation im virtuellen Klassenraum erforderlich, damit die Schülerinnen und Schüler die Aufgabenstellung eigenständig zuhause erledigen können. Im Regelfall lassen die jeweils eingesetzten digitalen Lernplattformen auch kooperatives Lernen zu.
Digitalisierung von Logistikunternehmen
Die oben erwähnte durchgehende Digitalisierung und Vernetzung von Logistikunternehmen soll beispielhaft an einigen Prozessen verdeutlicht werden.
 
→ Digitaler Zwilling
Mit digitalen Zwillingen werden logistische Prozesse (z. B. die komplette Lieferkette) virtuell am Computer dupliziert, um in der Planungsphase die Abläufe vor ihrer Realisierung vorab zu testen. Man spricht auch von Prozesssimulation.
 
Beispiel: Eine Drogeriemarkt-Kette mit einem bundesweiten Filialnetz möchte die Belegung der Regale in den Filialen mit Artikeln kostensparend vereinfachen. Dazu werden die Regale jeder Filiale mit ihrer jeweiligen Artikelplatzierung als digitale Zwillinge am Computer nachgebildet. In den Warenverteilzentren der Kette können nun die Paletten für jede Filiale von den Kommissionierrobotern so bestückt werden, wie sie für das Auffüllen der Regale in den Filialen am einfachsten zu handhaben sind. Der digitale Zwilling liefert das Muster für die Artikelreihenfolge auf den Paletten.

 
→ Künstliche Intelligenz (KI, maschinelles Lernen)
Das sind Computerprogramme, die Probleme eigenständig lösen können und dabei menschliche Denkstrukturen nachahmen. Am Anfang steht die Auswertung einer großen Datenfülle, aus denen das Programm lernend Muster ableitet. Diese Muster lassen sich auf neue Daten anwenden, so dass das Programm selbstständig dazulernt. Das Programm wird dadurch in die Lage versetzt, eigenständig Lösungen für unbekannte Situationen zu entwickeln. KI wird heute i.d.R. als Entscheidungshilfe für Menschen genutzt, weil die Technik für ein völlig autonomes Handeln des Computers noch nicht ausgereift ist.

Beispiel: Ein KEP-Dienstleister wertet alle Informationen aus dem Paketversand in seinem Zentralrechner aus, um sinnvolle Standorte für Paketshops vorherzusagen.
→ Augmented Reality (AR, erweiterte Realität)
Mitarbeiter erhalten z. B. über eine Datenbrille (AR-Brille, Smart Glasses) zusätzliche (erweiterte) Informationen, damit sie eine Aufgabenstellung, z. B. einen Kommissioniervorgang, besser oder leichter bewältigen können. Die Anwender bleiben in der realen Welt, erhalten aber zusätzlich digitale Informationen.
→Virtuelle Realität (VR, simulierte Realität)
Im Gegensatz zur AR wird in einer VR-Anwendung die Realität nachgebildet, also simuliert. Dazu dient gewöhnlich eine VR-Brille, die die Anwender in eine künstliche Welt versetzt. VR wird im Verkehrsgewerbe vorzugsweise zur Mitarbeiterschulung eingesetzt, z. B. für das effiziente Beladen von Zustellfahrzeugen (E-Learning).
→Datenanalyse (Data-Analytics, Big Data)
Geschäftsprozesse in Speditionen erzeugen heute riesige Datenmengen in digitaler Form, weil die Prozesse vielfach bereits elektronisch unterstützt werden. Die erfassten Daten lassen sich ordnen, nach speziellen Gesichtspunkten untersuchen sowie rechnerisch und grafisch auswerten. Technologien, die großen Datenmengen verarbeiten und analysieren, werden auch als Big Data bezeichnet. Die Datenanalyse (Data Analytics) ermöglicht es, speditionelle Prozesse zu optimieren und eine zukunftsorientierte Kapazitätsplanung zu betreiben. 

Gerade die Integration von Logistikunternehmen in die Steuerprozesse von Industrie 4.0 macht es erforderlich, große Datenmengen schnell zu verarbeiten und eigene Steuerbefehle zu generieren.

Beispiel: In Stoßzeiten bewältigen Paketdienstleister pro Tag Millionen von Sendungen. Jede Sendung muss dabei identifizierbar und für die Sendungsverfolgung verfügbar gemacht werden. Das erfordert einen gewaltigen Aufwand zur Datenerfassung und -analyse.
→Blockchain
Blockchain (engl. für Blockkette) ist eine Liste von Datenblöcken, die auf allen Computern der Teilnehmer eines Netzwerkes gespeichert werden. Die Teilnehmer dieses Netzwerkes erweitern die Liste permanent. Da jeder Block mit seinem Vorgänger verkettet ist, kann man einen einmal gespeicherten Block nicht mehr verändern, ohne die nachfolgenden Blöcke zu zerstören. Die Kette ist für alle Teilnehmer einsehbar, Veränderungen würden also sofort auffallen. Das macht die Blockchain äußerst transparent und fälschungssicher. Veränderte Daten werden innerhalb der Blockchain auf ihre Gültigkeit geprüft und dann an die bestehende Liste angehängt. Eine Blockchain wendet man vor allem dort an, wo die Fälschungssicherheit gewährleistet sein muss, damit die Netzwerkteilnehmer sich gegenseitig vertrauen können.
 
Beispiel: Die Daten aus der Sendungsverfolgung werden in einer Blockchain in Echtzeit gespeichert. Die Beteiligten können den Sendungsverlauf jederzeit verfolgen, ohne dass eine Verfälschung der Daten möglich wäre. Am Ende bildet die Blockchain den gesamten Transport vertrauenswürdig ab. Zeitgleich mit dem in der Blockchain gespeicherten Ablieferungscode könnte z. B. automatisch die Zahlung an den Versender veranlasst werden.
→ Autonomes Fahren
Moderne Lkw sind heute teilautomatisiert, d.h. Assistenzsysteme übernehmen bestimmte Funktionen wie automatisches Spurhalten, Beschleunigen und Bremsen. Vollautomatisiert sind Lkw, die vom Fahrpersonal nicht mehr dauerhaft überwacht werden müssen. Die Fahrer werden vom System gewarnt, wenn ein Eingreifen als notwendig angesehen wird. Erst wenn kein menschliches Eingreifen für die Steuerung des Fahrzeugs mehr notwendig ist, spricht man von autonomem Fahren. Die Fahrer haben dann lediglich das System zu starten und das Fahrziel festzulegen. Wenn es gelingt, autonomes Fahren mit der Vernetzung der einzelnen Fahrzeuge (nicht nur Lkw) zu koppeln, könnten in Zukunft autonom agierende Fahrzeuge Informationen untereinander austauschen und auf diese Weise ein autonomes, durch künstliche Intelligenz (KI) gesteuertes multimodales Verkehrssystem bilden.
Berufliche Bildung unter Druck
Die Digitalisierung der Logistikunternehmen befindet sich in einer stürmischen Entwicklung. Die berufsschulische Ausbildung darf den Anschluss nicht verpassen. Aktuell wird das Tagesgeschäft in einer Spedition vom Verhältnis Versender – Spediteur auf der einen Seite und Spediteur – Frachtführer auf der anderen Seite bestimmt. Die Cloud als Kommunikationszentrum der Auftragsabwicklung ist noch die Ausnahme. Eine Neuausrichtung der Ausbildung von Kaufleuten für Spedition und Logistikdienstleistung ist daher dringend erforderlich. Dazu sind die Cloud-Ökonomie und die oben beschriebenen digitalisierten Prozesse in das Curriculum aufzunehmen und laufend der Entwicklung in der Praxis anzupassen.
 
Der Lehrplan ist die formale Legitimation für das, was im Unterricht thematisiert wird. Der Lehrplan für Speditionskaufleute ist allerdings von 2004 – informationstechnisch ein Methusalem. Immerhin gibt es in den berufsbezogenen Vorbemerkungen einige Hinweise mit Bezügen zum aktuellen Digitalisierungsprozess.

Aber auch ohne diese Lehrplanhinweise wären die Berufsschulen gezwungen, sich den neuen informations- und kommunikationstechnischen Anforderungen zu stellen. Denn die Dynamik der Wirtschaft ist deutlich größer als die der Lehrpläne, die bisher im Durchschnitt eine Lebensdauer von 12 bis 14 Jahren haben.

Dementsprechend sind die gebräuchlichsten elektronischen Dokumente bereits seit vielen Jahren in die Speditions-Lehrwerke aufgenommen worden, und zwar sowohl im Informationshandbuch als auch im Lernsituationsband.

Seit 2019 wird außerdem kontinuierlich der digitale Transformationsprozess in der Logistik im Informationshandbuch dargestellt und den Auszubildenden an geeigneten Stellen im Lernsituationsband über praxisnahe Aufgaben zugänglich gemacht.

Auszug Rahmenlehrplan Kaufmann/Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung

Teil IV: Berufsbezogene Vorbemerkungen, Seite 6 und 7
"Sie [die Auszubildenden] nutzen unter Beachtung von Softwarekriterien Informations- und Kommunikationssysteme zur Aufgabenerfüllung und beachten Regelungen zum Datenschutz.
Die Informationsbeschaffung, -verarbeitung und -auswertung erfolgt integrativ über Medien und informationstechnische Systeme in allen Lernfeldern."
Digitales Lernen mit der BiBox
Es sind aber nicht nur neue Lerninhalte in die Ausbildung zu integrieren, auch die Lernprozessgestaltung ist an die digitalisierte Arbeitsprozessorganisation in der Praxis anzupassen. Das Lernen mit Hilfe des Werkszeugs Computer und die Nutzung einer (Schul-)Cloud sollte zur Selbstverständlichkeit werden.
 
Um die digitalen Lernprozesse medial zu unterstützen, wurde die BiBox entwickelt. In der BiBox befindet sich das Informationshandbuch im PDF-Format mit erweiterten Bearbeitungsmöglichkeiten sowie eine Sammlung mit elektronischem Begleitmaterial:

  • Lernlandkarten: Mit ihnen können die Lernsituationen im virtuellen Klassenraum des Distanzunterrichts oder auch im normalen Präsenzunterricht anmoderiert werden.
  • Digitale Vorlagen: WORD-, EXCEL und POWERPOINT-Vorlagen unterstützen den Lernprozess bei der Bearbeitung der Arbeitsaufträge und Aufgaben.
  • Interaktive Wissensaufgaben: Mit ihnen erhalten die Auszubildenden Gelegenheit, die Beherrschung zentraler Begriffe aus den Lernsituationen zu überprüfen.
  • Selbsttests: Sie stehen am Ende des Bearbeitungsprozesses einer Lernsituation. Die Auszubildenden sollen eigenständig feststellen, inwieweit sie die Prozesse und Begriffe aus der jeweiligen Lernsituation beherrschen.
  • Lernerfolgsüberprüfungen: 10 Leistungsnachweise (einschließlich Lösungen) stehen für die Unterrichtenden zur Verfügung.
  • Pädagogik: Dieses Verzeichnis enthält die Didaktische Jahresplanung, Vorschläge zur Ablauforganisation beim Einsatz von Lernsituationen im Unterricht und eine Vorschlag zur Lernprozessgestaltung im Distanzunterricht. 

Ein neuer Lehrplan für die Ausbildung von Speditionskaufleuten ist überfällig. Die digitale Transformation der Ausbildung schlägt sich aber bereits jetzt in den Buchtiteln sowie in der BiBox nieder und wird kontinuierlich gemäß den erkennbaren Veränderungen in der Praxis ausgeweitet. Man ist also mit dem Medienpaket schon gut für den zukünftigen Lehrplan und die digitale Spedition gewappnet.

Ihr Autor

Martin Voth ist ehemaliger Abteilungsleiter Einzelhandel am Berufskolleg Bocholt (NRW) und Fachleiter für Handel und Verkehrswirtschaft sowie langjähriger Lehrbuchautor im Bildungsverlag EINS in den Bereichen Einzelhandel und Spedition.