Interview mit NHG-Berater Dr. Matthias Munsch
Was ist wichtig bei der Projektarbeit?1. „Für Projektarbeit ist nie genug Zeit im stressigen Schulalltag.“ Was empfehlen Sie Lehrkräften, die ihre Schülerinnen und Schüler gerne an selbständiges Arbeiten auf Projektbasis heranführen möchten, aber nie Zeit dafür finden? Man muss bei dem Begriff „Projekt“ nicht immer gleich an große Dimensionen denken und befürchten, dass man dafür mehrere Unterrichtsstunden oder sogar Wochen einplanen muss. Projektartiges Arbeiten, das die Schüler/-innen an autonomeres Lernen heranführt, ist ja bereits im Lehr- und Lernprinzip des Task Based Language Learning/Teaching angelegt, das wichtiger Bestandteil des NHG-Konzepts ist. Manchmal reicht es schon, diesen Ansatz auszudehnen oder noch ein wenig mehr Entscheidungsfreiheit in die Hände der Schüler/-innen zu geben. Wenn man die Target Task am Ende der jeweiligen Lerneinheit etwas größer anlegt, den Schüler/-innen mehr Wahlfreiheit bzgl. Umfang und Reihenfolge der vorbereitenden Aufgaben gibt und sie selbstständig Skills-, Wordbank- und Grammar-Seiten nutzen lässt, arbeitet man bereits projektorientiert.
Man kann Projekte auch schuljahresbegleitend organisieren, den einzelnen Projektphasen im Präsenzunterricht immer mal wieder Raum geben, und vorbereitende Aufgaben in die Zeit außerhalb des Unterrichts auslagern. Das ist eine Variation des „Flipped Classrooms“, einem Unterrichtsprinzip, das sich gut mit Projektarbeit verbinden lässt. Ziele solcher Projekte können zum Beispiel ein Podcast, ein Rollenspiel oder eine Präsentation zu einem selbstgewählten Thema sein.
2. Ab welcher Jahrgangsstufe empfehlen Sie Projektarbeit im Englischunterricht?
Mit projektartigem Arbeiten kann man schon früh beginnen. Je früher die Schüler/-innen an selbständige Formen des Lernens herangeführt werden, desto besser. Bei den Jüngeren braucht es noch eine engere Führung, entsprechendes Scaffolding, vermehrt ideengebende Vorschläge oder eine vorgegebene Auswahl an Themen oder Projektprodukten sowie eine stärkere Strukturierung der einzelnen Projektschritte. Diese Elemente sind auf den Projekt- und Skills-Seiten der NHG Neubearbeitung ab Klasse 5 entsprechend berücksichtigt. Im Lauf der Lehrwerksreihe werden die Schüler/-innen dann stärker in die Eigenverantwortung entlassen und bekommen nach dem Projektprinzip immer mehr „voice and choice“ (Möglichkeit der Mitbestimmung und Wahlfreiheit).
3. Wie kann Projektarbeit benotet werden?
Für die Benotung von Projektarbeit gibt es verschiedene Ansätze. Das Wichtigste - wie bei jeder Benotung von Leistungen von Schüler/-innen - ist, dass die Lehrkraft ihre Kriterien im Vorfeld formuliert und den Schüler/-innen mitteilt. Dabei sollte man zwischen inhaltlichen Aspekten und persönlichen Reflexionen trennen. Letztere eignen sich nicht zur Benotung.
Im Rahmen von Projektarbeit hilft dieses Vorgehen den Schüler/-innen auch bei der Konzeption, Planung und Durchführung des Projekts. Denn wenn die Projektgruppe genau weiß, worauf am Ende geachtet wird, kann sie entsprechend planen und umsetzen.
Als Lehrkraft kann man den Schwerpunkt bei der Benotung auf das Ergebnis der Projektarbeit legen, also das Produkt (das ganz unterschiedlich aussehen kann) bewerten, oder aber schon während des Entstehungsprozesses Zwischenschritte benoten.
Hilfreich dabei ist ein Portfolio, in dem die Schüler/-innen den Projektfortschritt dokumentieren, und die Ergebnisse einer kurzen Feedbackphase nach jedem Prozessabschnitt festhalten.
4. Wie sieht in Ihren Augen eine gelungene Reflexionsphase aus?
Reflektiert wird in der Projektarbeit an mehreren Stellen. Ein Peer Feedback bietet sich an, wenn die Phase der Ideenfindung und der ersten konkreten Planung abgeschlossen ist. Die jeweilige Projektgruppe stellt ihre Planung, das anvisierte Ziel/Ergebnis und den geplanten Weg dorthin vor und kann Fragen stellen, ihre Mitschüler/-innen um Rückmeldung bitten und so die Gesamtgruppe als Ressource nutzen. Danach entscheidet die Projektgruppe, welches Feedback sie annehmen und umsetzen möchte und welches nicht und begründet die Auswahl.
Während des gesamten Prozesses ist eine begleitende Reflexion mit Hilfe des oben erwähnten Portfolios sinnvoll. Hier können sich auch Fragen finden, die den Schüler/-innen dabei helfen, sich den eigenen Lernprozess bewusst zu machen. Dieses Prinzip kennen die Schüler/-innen bereits durch die selbstreflexiven Fragen am Ende der einzelnen Units im NHG Schulbuch unter „Check out“.
Die abschließende Reflexion nach der Präsentation des Projektprodukts beinhaltet dann auch die Rückmeldung der Mitschüler/-innen und der Lehrkraft (gegebenenfalls inkl. Note) und kann im Sinne einer individuellen Zielsetzung als Ausgangsbasis für zukünftige Projekte und/oder Lernprozesse dienen. Auch hier sind Leitlinien zur Reflexion und Kriterien der Beurteilung von Projektergebnissen eine wichtige Voraussetzung.
Die Reflexion ist dann gelungen, wenn sie den Schüler/-innen einen Erkenntnisgewinn ermöglicht hat, auf dessen Grundlage sie in Zukunft aufbauen können.