

Das Bauhauptgewerbe ist da eine seltene Ausnahme, wie Zahlen der Sozialkassen der Bauwirtschaft (SOKA-BAU) eindrucksvoll belegen. 2025 begannen hier rund 13.600 junge Menschen ihre Ausbildung im ersten Lehrjahr, ein Plus von 13,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt durchbrach die Gesamtzahl der Azubis erstmals nach drei Jahren rückläufiger Zahlen die Marke von 40.000 – ein Anstieg von 5,3 Prozent.
Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, sieht in der aktuellen Entwicklung einen klaren Beleg für die hohe Attraktivität des Wirtschaftszweigs: „Unsere Branche bietet sichere Arbeitsplätze, attraktive Aufstiegschancen und echte Perspektiven. Nach einer erfolgreichen Ausbildung stehen einem alle Türen offen – bis zum Meister und Geschäftsführer.“
Björn Söllner, Mitglied der Geschäftsführung in der Bau-Innung Hamburg und unter anderem verantwortlich für die Erstausbildung der Bauberufe, führt hier weiter aus. Er erklärt gegenüber dem Westermann-Verlag die generelle Motivation der Azubis, in die Baubranche zu gehen, wie folgt: „Die Baubranche bietet nicht nur geringe Einstiegshürden – für die meisten Berufe reicht der Erste Bildungsabschluss – viele Azubis schätzen vor allem die mannigfaltigen Weiterentwicklungsmöglichkeiten.“ Mitunter würden beispielsweise Gesellen schon nach zwei bis drei Jahren Berufstätigkeit eine Weiterbildung unter anderem zum Vorarbeiter, Werkpolier, geprüften Polier oder Meister beginnen, um Leitungsfunktionen auf der Baustelle oder planerische Aufgaben im Büro übernehmen zu können.
Es sei aber auch eine Differenzierung wichtig: „Der Tiefbau lockt vor allem die jüngeren Azubis mit großen, kraftvollen Baumaschinen wie dem Radlader oder dem Bagger. Im Hochbau fasziniert der Beruf des Stahlbetonbauers, die Kombination aus Holzverschalung, Systemschaltung und Bewehrungsstahl mit denen die Negativformen für den Betonguss von Bauteilen wie zum Beispiel Säulen und Treppen gebaut werden.“ Die Tätigkeiten der Maurer hingegen, die als Generalisten im Hochbau gelten, würden mit der größten Abwechslung punkten. Im dritten Zweig der Baubranche, dem Ausbau, sei besonders in Süddeutschland, aber auch immer mehr im Norden der Zimmererberuf prominent bei Auszubildenden, weil die Arbeit mit Holz attraktiv sei.
Infrastruktur schafft zusätzliche Nachfrage
Besonders im Tiefbau können öffentliche Investitionen, ermöglicht zum Beispiel durch das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, zusätzliche Beschäftigungs- und Ausbildungsperspektiven schaffen. Politische Signale für mehr Investitionen, beschleunigte Genehmigungsverfahren und zusätzlicher Wohnungsbau dürften der Branche weitere Impulse geben. Doch auch wenn im Tiefbau immer mehr Azubis finden, was sie suchen, ist in dieser Sparte der Anteil unbesetzter Lehrstellen überdurchschnittlich hoch – auch aufgrund der häufig körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten.Weniger Ausbildungsplätze, mehr Suchende
Die Konkurrenz um den Nachwuchs verändert sich ebenfalls. In vielen anderen Wirtschaftszweigen ist das Ausbildungsangebot zurückgegangen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung registrierte 2025 insgesamt rund 530.300 angebotene Ausbildungsplätze – 25.300 weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der jungen Menschen, die sich um eine Ausbildung bemühten, leicht auf rund 560.300. Wenn die Nachfrage das Angebot in anderen Branchen übersteigt, werden Suchende umso mehr darauf aufmerksam, wie gut die Baubranche in Sachen Ausbildung aufgestellt ist.Letzteres ist auch der SOKA-BAU zu verdanken, die, finanziert durch ein tarifliches Umlageverfahren, die Berufsausbildung in der Bauwirtschaft fördert. SOKA-BAU unterstützte 2025 beispielsweise mehr als 39.000 Auszubildende mit einem Fördervolumen von knapp 450 Millionen Euro. So kommen auch Betriebe zu gut ausgebildeten Mitarbeitern, die selbst nicht ausbilden können.
Unterstützung für Jugendliche mit Förderbedarf
Um mehr junge Menschen für Bauberufe zu gewinnen, reicht allgemein gehaltene Werbung allein nicht aus. Die Bauwirtschaft versucht deshalb auch gezielt Jugendliche anzusprechen, die vor Beginn einer Ausbildung zusätzliche Unterstützung benötigen. SOKA-BAU hat zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit das Pilotprojekt „Berufsstart Bau“ ins Leben gerufen. Dabei ist eine vier- bis zwölfmonatige Zeit für erste praktische Erfahrungen vorgesehen. Dazu gehören Praktika in Betrieben, überbetriebliche Qualifizierung, Förderunterricht und sozialpädagogische Begleitung.Höhere Vergütung macht Bauberufe attraktiver
Ein weiterer Pull-Faktor sind die tariflich geregelten Ausbildungsvergütungen im Bauhauptgewerbe, die in ganz Deutschland einheitlich sind. Stattliche 1.122 Euro brutto gibt es seit April 2026 im ersten Lehrjahr, 1.351 Euro brutto im zweiten und 1.610 Euro brutto im dritten Lehrjahr. Damit liegt die Vergütung deutlich über der gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung, die selbst im dritten Ausbildungsjahr bei 977 Euro brutto liegt.Trendwende oder vorübergehender Effekt?
Ein Blick in die Zukunft legt nahe, dass diese vor allem durch künstliche Intelligenz grundlegend verändert werden wird. Diese digitale Revolution betrifft aber nicht alle Wirtschaftszweige in gleichem Maße. Am Bau kann KI bei Aufgaben wie Planung, Dokumentation oder Berechnungen unterstützen – die körperliche, handwerkliche und situative Arbeit vor Ort aber kaum ersetzen. Dadurch sind Bauberufe im Vergleich zu stark digitalisierbaren Tätigkeiten zukunftssicherer, wie Studien sowohl der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) als auch der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) konstatieren. KI dürfte also auch in Zukunft junge Menschen von Bau-Lehrstellen nicht verschrecken, sondern indirekt eher dorthin locken.Fest steht: Die Bauwirtschaft hat ihren Nachwuchsbedarf nur teilweise gelöst. Der Anstieg der Ausbildungszahlen zeigt aber, dass gute Beschäftigungsperspektiven, praktische Berufsorientierung und höhere Vergütungen Wirkung entfalten können. Entscheidend wird sein, ob die Branche diese Ansätze dauerhaft ausbaut.
Beitrag von Joel Wille
Quellen
• Bundesinstitut für Berufsbildung: „Angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt (BIBB)• Zentralverband Deutsches Baugewerbe: „Bau trotzt Negativtrend: Ausbildungszahlen steigen deutlich“ (ZDB)
• SOKA-Bau: „Das Erfolgsmodell wird 50“ (SOKA)
• ILO: „Generative AI and Jobs“ (ILO)
• OECD: „Artificial intelligence and the changing demand for skills in the labour market“ (OECD)
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